über Landeier und Stadtgrantler

Grüß-Gesetze

von Natascha Marakovits

01/22/2016, 06:00 AM

Bis das Gesetz von einem anderen, ebenso ungeschrieben, abgelöst wurde: dem Wiener Grantscherm-Gesetz

Mag. Natascha Marakovits | über Landeier und Stadtgrantler

"Durchs Reden kommen d’Leut zam", lautete ein altbekanntes Sprichwort. Wie wahr. Und das miteinander Reden beginnt beim Grüßen. Beim Bäcker, beim Einsteigen in den Bus, auf der Straße sowieso und gerne auch durch die Windschutzscheibe hinter dem Lenkrad, indem man dem Entgegenkommenden freundlich zunickt. Ob man sich nun kennt oder nicht, auf dem Land wird "Servus, griaß di oder grüß Gott" gesagt.

Mit diesem ungeschriebenen Landgesetz bin ich aufgewachsen. Dagegen zu verstoßen hätte mich abgestempelt als 1. unfreundlich, 2. arrogant und 3. schlecht erzogen. Also brav daran gehalten. Bis das Gesetz von einem anderen, ebenso ungeschrieben, abgelöst wurde: dem Wiener Grantscherm-Gesetz.

Zieht man als Burgenländerin in die große weite Welt – also nach Wien – gibt es auch dort ungeschriebene Gesetze, an die man sich erst gewöhnen muss. Eines davon lautet: grüße nicht. Auf der Straße sowieso aber auch abseits des großen Gewusels kann man fürs Grüßen in Wien von den Städtern ganz schön schiefe Blicke ernten. Den Busfahrer beim Einsteigen grüßen – niemals! Beim Betreten eines Geschäfts "Grüß Gott" sagen – wen interessiert’s? Und selbst die lieben Nachbarn im eigenen Haus schauen einen nur verdutzt an, wenn man "Hallo" sagt. Also besser an das neue ungeschriebene Gesetz halten, um nicht wie ein Außerirdischer behandelt zu werden. Nun gut, ich habe mich nach all den Jahren daran gewöhnt. Ich grüße – bis auf meinen Bäcker ums Eck – nicht mehr. Aus basta.

Vor einigen Wochen habe ich einen neuen Nachbarn bekommen. "Hallo", sagte der junge Mann – wohl ein Frischling vom Land. "Was, mich grüßt jemand?", war ich überrascht. Also grüßte ich zurück. Seither plaudern wir immer, wenn wir uns zufällig im Stiegenhaus treffen. Die anderen Nachbarn ignorieren uns nach wie vor. Wir lachen darüber und reden weiter. Denn wie heißt’s: "Durchs Reden kommen d’Leut zam." Und beim Grüßen fängts an.

eMail: natascha.marakovits@kurier.at

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