Meinung | Kolumnen | Meine Stadt
11/26/2015

Wiener Verzettelung

Er fragt berechtigt: Warum so eine Wut? Und warum so wenig Mut gegen jene, die täglich Wut erzeugen?

Mag. Uwe Mauch | über Helmut Seethaler

Man darf die Zettelgedichte, die Helmut Seethaler seit drei Jahrzehnten in Wien in den öffentlichen Raum hängt, mögen. Weil viele Wiener und Wien-Besucher die kleinen, eng betippten Zettel gerne von Bäumen und Säulen pflücken und konsumieren. Weil der Zettellyriker trotz bedrückender Armut an seiner Arbeit festhält. Weil er auch ernste Kritik an dieser Stadt und unserer Lebensweise äußert.

Man darf natürlich auch zu dem Schluss gelangen, dass diese Kunstform nicht mehr ganz zeitgemäß ist.

Aber man sollte dagegen protestieren, wenn Ordnungshüter der Wiener Linien ohne Augenmaß damit beschäftigt werden, den Seethaler aus der Stadtlandschaft zu verbannen, seine kleinen Gedichte von den Stationen zu kletzeln, in den Müll zu werfen und ihn vor den Kadi zu zerren, während gleichzeitig erlaubt wird, dass die bedruckten Papierstöße mit den giftigen Schlagzeilen der beiden Wutzeitungen binnen weniger Minuten in der U-Bahn zu Altpapier werden.

Nach der letzten Kletzelaktion schrieb der Zetteldichter: ich weinte. was macht mein wien mit mir! warum so eine jahrzehntelange wut auf kleine zetteln mit friedlichen worten?

Er fragt berechtigt: Warum so eine Wut? Und warum so wenig Mut gegen jene, die täglich Wut erzeugen?