Meinung | Kolumnen | Meine Stadt
18.01.2018

Engel vom Hauptbahnhof

Doch die Leiterin der Radstation hat den Mitarbeiter ganz anders erlebt.

Mag. Uwe Mauch | über Lena Pieber

Es sind Menschen in dieser Stadt wie Lena Pieber, über die wir reden sollten. Denn natürlich hätte die Leiterin der Radstation am Wiener Hauptbahnhof schnell zur Tagesordnung übergehen können, als die Polizei in dem Sozialökonomischen Betrieb im Bahnhofsbauch aufkreuzte, um einen ihrer Rad-Mechaniker zu verhaften, weil der kurz zuvor schwer alkoholisiert mit dem Radl gefahren war.

Passt ja auch gut ins Bild der Stammtische bzw. aktueller mitteleuropäischer Regierungen: Ein Langzeitarbeitsloser, obdachlos. Und, eh klar: auf unsere Kosten ständig b’soffen.

Doch die Leiterin der Radstation hat den Mitarbeiter ganz anders erlebt: alkoholkrank ja, aber sonst äußerst bemüht. Als angelernter Radmechaniker sowie (rad)sportinteressierter Mensch wollte er noch einmal neu durchstarten.

Also spricht Frau Pieber für ihren Klienten bei der Staatsanwaltschaft vor, besucht ihn im Gefängnis – und holt ihn mit einer Bürgschaft aus seiner Misere heraus. Danach begleitet sie ihn bei Entzug, Therapie und Schuldenabbau.

Der Mann dankt auf seine Art: Nach dem viermonatigen Praktikum in der Radstation beginnt er ein neues Leben – als Rad-Mechaniker bei einem Sportfachhändler, wo er nach nur einer Woche Praktikum fix übernommen wird.