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05.12.2011

leseZEICHEN: Eingebildete Kranke

Michael Horowitz über berühmte Hypochonder.

90 verschiedene Medikamente, mehrere Spritzen und 28 Pillen pro Tag, verabreichte Hitlers Leibarzt Morell dem Führer. Die Symptome: Urin bierbraun, Beinezittern, Darmgase. Der Hypochonder Hitler war kein Einzelfall. Gepeinigt von ständiger Furcht, krank zu sein, waren auch Charlie Chaplin, Enrico Caruso und Thomas Mann: Beim Frühstück beängstigendes Steckenbleiben eines nicht genug gekauten Stückes gebratenen Specks, notiert er im Tagebuch. Ein Romanheld von Philip Roth erlebt den Swimmingpool als Brutstätte der Kinderlähmung und Meningitis. Auch Popkünstler Andy Warhol, der nach einem Attentat immer ein Korsett trug, litt unter beklemmenden Ängsten und Scham und bekämpfte die psychische Störung durch Selbstmedikation, einem Cocktail aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln. Woody Allens Hypochondrie steigerte sich zur Hysterie - seine eingebildeten Krankheiten wurden längst zum Lebensinhalt.