Meinung | Kolumnen | Hund und Herrl
05.12.2011

hund & HERRL: Schmachtfetzen

Besame mucho, oder die Verzweiflung über die Straßenmusik.

Wenn mein Hund Barolo und ich spazieren gehen, treffen wir auf vielleicht 300 Straßenmetern eine interessante Auswahl an Roma-Musikern. Diese sitzen in wechselnder Reihenfolge an dafür vorgesehenen Plätzen und spielen Quetsche. Ich habe nichts gegen Straßenmusiker, geschweige denn, wenn sie gute Straßenmusik spielen, und mein Hund sieht das genauso. Wir bleiben stehen, wenn eine schöne Melodie erklingt, freuen uns an der feierlich-sentimentalen Stimmung des Akkordeons und denken an die herrlichen Stunden, die wir mit den Knöpferlharmonikasounds der großen Wiener Künstler Walter Soyka oder Marko Živadinović und dem Klang der Chromatischen von Otto Lechner oder Krzystof Dobrek verbracht haben. Und wenn in der Hosentasche eine Münze ist, wechselt sie ihren Besitzer. Nun, nachdem der meteorologische Sommer begonnen hat, haben die Quetischisten sich verabredet. Plötzlich spielen sie nur noch ein- und dieselbe Nummer. Ihr kennt sie alle. "Bésame/bésame mucho / como si fuera esta noche/ÿla última vez . . ." - "Küss mich / küss mich ganz fest/Küss' mich als wär's heute Nacht / zum allerletzten Mal . . ." Schmalz und Pomade. Im Stadtpark und auf der Landstraße. Kitsch und falsches Lächeln. Auf der Wollzeile und am Stephansplatz. "Bésame mucho". Komposition von Consuelo Velázquez, 1941. Der Schmachtfetzen hat ganz schön Anlauf genommen, aber jetzt lässt er mich nicht mehr von der Angel. Bésame mucho, wo immer ich hinkomme. Ich kriege Schüttelfrost. Ich traue mich nicht mehr aus dem Haus, aber mein Hund zwingt mich dazu. Kann denn niemand den Quetschisten "La Paloma" beibringen?