Meinung | Kolumnen | Hund und Herrl
05.12.2011

hund & HERRL: Auf der Flucht

Barolo und die Tierklinik.

Mein Hund Barolo hat keine Angst vor dem Sterben. Er hat nur Angst vor dem Tierarzt. Die Besuche in der Tierklinik Strebersdorf - wiewohl seit Langem nicht mehr aus akuten, sondern aus prophylaktischen Gründen, keinesfalls schmerzhaft, eher ein Wellness-Streicheln mit Temperaturmessung und Leckerli-Ausgabe - haben sich raben- schwarz in seine Erinnerung eingefressen. Jedes Mal, wenn wir eine Straße befahren, die jener, wo die Tierklinik domiziliert ist, auch nur oberflächlich gleicht, beginnt der Hund zu fiepen und zu raunzen, Zwergerlaufstand im Kofferraum. Beim vorletzten Besuch des Tierarztes sprang der Barolo aus dem Heck des Autos und flüchtete in den Bach. Die Feuerwehr in Gestalt von mir musste einschreiten und das Tier aus dem Wasser zerren. Zuletzt aber, als ich den Zustand des Hundes turnusmäßig überprüfen lassen wollte, nahm das Schicksal seinen Lauf. Der Barolo stieg empört aus dem Auto, hier zu sein, steuerte wie ein Kompass die Richtung an, die möglichst gerade von der Tierklinik wegführte - und ich folgte ihm. Ich ging mit ihm spazieren, quer durch eine Schrebergartenkolonie, und er zog wie eine Lokomotive, und irgendwann gab der Kompass den Geist auf. Der Barolo wusste zwar nicht mehr, wohin er wollte und warum, nur eines: schnell. So begab es sich, dass wir plötzlich wieder in der geflohenen Gasse ankamen, dass wir an unserem Auto vorbeihetzten, und plötzlich stand der Hund vor dem Eingang zur Tierklinik: schockstarr. Ich konnte ihn ganz einfach über die Schwelle tragen, wo ihm ein ausgezeichneter Gesundheitszustand attestiert wurde. Bloß ein wenig desorientiert habe er gewirkt.