Meinung | Kolumnen | GesMBH
02.02.2014

Chronist der Winde

Es wäre wünschenswert, dass Menschen, die in unberührten Gegenden leben, dies wieder zu schätzen lernen, um dem drohenden Zeitgeist gemeinsam den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Karl Hohenlohe | über Windräder

Es war hoch oben über Retz, wo sich eine uralte Windmühle erhalten hat. Neben mir der geistige Vater von Inspektor Polt, Herr Alfred Komarek, und eine Gruppe Gleichgesinnter.

Noch genießt man einen Rundumblick von ungeahnter Schönheit. Bis zum Horizont eine langsam gewachsene Landschaft, Weinberge, Kirchen, alte Häuser und stecknadelgroße Menschen, die das irrwitzige Tempo der vergangenen Jahrzehnte nicht mitgemacht haben und diese Kulturlandschaft vor dem Fortschritt bewahrt haben.

Herr Komarek schien besorgt, denn man will diesen atemberaubenden Blick mit Windrädern verstellen, Windradtouristen anlocken, wie die Verantwortlichen versprechen. Diese Windräder sind 200 Meter hoch, also 63 Meter höher als der Stephansdom, lärmen, werfen Schatten und erzeugen Strom, den man nicht speichern kann.

Es ist schwierig, sich Erwin Steinhauer als Inspektor Polt auf seinem Fahrrad vorzustellen, wie er durch die alten Kellergassen schwebt und dann plötzlich, mitten in der Weinviertler Natur, vor einem riesigen Windrad zu stehen kommt. Nein, das will man sich nicht vorstellen. Manchen Menschen ist das Gefühl für Erhabenheit abhanden gekommen, der Blick in die Ferne ist durch die nahe Aussicht auf Reichtum verstellt.

Es wäre wünschenswert, dass Menschen, die in unberührten Gegenden leben, dies wieder zu schätzen lernen, um dem drohenden Zeitgeist gemeinsam den Wind aus den Segeln zu nehmen.