Ges.m.b.H.: Fehlurteil

Karl Hohenlohe über Professor Leopold und Hohenlohe-These.

Es ist nun schon etwas länger her, dass ich den berühmten Museumsgründer Professor Leopold beim Jagen und Sammeln beobachten durfte.

Es war im Dorotheum, wo er mit ungeheurem Tempo von Bild zu Bild hastete, jedes Einzelne innerhalb von Hundertstelsekunden taxierte und dann plötzlich innehielt.

Mit geübtem Griff angelte er nach einer Blechdose (Inhalt: ein Butterbrot in einem Butterbrotpapier) und einer Thermoskanne. Nicht unhastig verzehrte er das Brot, trank ein paar Schlucke und schon ging es weiter. Faszinierend.

Sogleich zimmerte ich eine wundervolle Kolumne, lobte den erlesenen Geschmack des großen Kunstkenners, schilderte seine Sammelleidenschaft in den buntesten Farben und entwarf dann, quasi als Höhepunkt der Betrachtung, eine Theorie.

Diese ging dahingehend, dass Professor Leopold, der zu diesem Zeitpunkt milliardenschwere Bilder sein Eigen nennen konnte, hauptsächlich deswegen so vermögend geworden war, weil er sich die Groschen vom Mund abgespart hatte.

Niemand protestierte und die Hohenlohe-These ging in die Kunstgeschichte ein.
Erst gestern war ich in Diensten von ORF III, diesem sehr eleganten, neuen Kultursender, im Leopold-Museum unterwegs und stieß dort auf Frau Prof. Leopold - die Witwe nach Prof. Leopold.

Erneut stellte ich die Hohenlohe-These in den Raum und die Frau Prof. lächelte.
Nein, ihr Mann hätte keineswegs am Essen gespart, sondern an der Zeit und, wie ich anmerken möchte: Zeit ist Geld.

Die Hohenlohe-These ist also widerlegt, die Kunstgeschichte muss neu geschrieben werden.

Einladungen, Beschwerden, Hinweise:
karl.hohenlohe(at)kurier.at

(kurier) Erstellt am
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