Ges.m.b.H.: Blattkritik

Karl Hohenlohe über das Blühen und Verwelken und was Menschen und Blumen gemeinsam haben

Links und rechts, beim Bühnenaufgang des Raimund-Theaters, warten zwei Blumensträuße.
Stunden zuvor hat man sie von der Erde getrennt und jetzt harren sie ihrer Bestimmung.
Blumensträuße leben, um in Schönheit zu sterben. Es ist ihr höchstes Ziel, die Menschen vor ihrem Dahinwelken zu erfreuen. Bald werden sie von Frau Tobisch und Herrn Fendrich in Händen gehalten werden.

Es sind zwei Gebinde, die unähnlicher nicht sein könnten. Hier ein wilder Buschen Sonnenblumen, der sich an Van Gogh orientiert hat - die Stängel von einem einfachen Bast zusammengehalten. Da ein frühsommerliches Potpourri, gehüllt in zartes Zellophan, das den Strauß schützen soll und man fragt sich wovor.

Längst ist abgemacht, wer welchen Strauß bekommen wird. Die rurale, vermeintlich männliche Version wird von Frau Tobisch an Herrn Fendrich übergeben, das
femininere Pendant bekommt Frau Tobisch-Labotyn. Applaus brandet auf, er gilt dem Sänger, der die Konzerteinnahmen Frau Tobisch geschenkt hat, er gilt Frau Tobisch, die das Geld ihrem Künstleraltenheim zuführen wird.

Dann steht man auf und klatscht, weil Frau Tobisch den 85. Geburtstag hat und ein netter Mensch ist. Die Blumensträuße lassen die Köpfe nicht hängen, sie beziehen den Applaus auf sich, strecken sich durch und sehen ihrem Ende nunmehr vollkommen gelassen entgegen.
Wenn sie verwelkt sind, werden sie, so wie wir, unter der Erde landen .

Sie haben anständig gelebt, zu Lebzeiten und im Angesicht des Todes die Menschen erfreut und diesen Schöpfungen ist die Vorsehung meist gnädig.

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karl.hohenlohe@kurier.at

(KURIER) Erstellt am
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