Ges.m.b.H.: Ansprachschatz

Karl Hohenlohe über den Feinschmecker des Jahres.

Otto Schenk ist meist in Dunkles gehüllt. Ich kenne niemanden, der ihn schon einmal in Beige, Rot oder Grün gesehen hat. Da steht er also oben auf der Brüstung des Restaurants "Le Loft" und hält eine Laudatio auf den "Feinschmecker des Jahres" Dominique Meyer, Direktor der Wiener Staatsoper. Von Weitem sieht man nur den Kopf und Schenks kleine Hände, die er immer wieder beschwörend anhebt, ganz so, als hielte er einen Luftballon, den er ein wenig schüttelt, wenn er das Gesagte noch einmal unterstreichen will. Er weiß nichts vom Direktor, meint er, keine Stationen seines Lebens, keinen Werdegang. Aber von seiner Persönlichkeit kann er berichten, von Liebe auf den ersten Blick. Wenn Herr Schenk liebt, dann hat es immer mit Kunst zu tun, mit Sprechen, Singen, Malen, Schreiben oder jenen Menschen, die es ermöglichen. Wenn Herr Schenk spricht, dann hört man automatisch zu. Bei ungeübten Sprechern kämpft die Form immer mit dem Inhalt. Die Botschaft kann noch so erhebend oder berührend sein, wenn man sie gebeugt und mit lascher Stimme bringt, verliert sie an Bedeutung. Bei Otto Schenk wechselt die Intensität von Form und Inhalt ständig, eine weniger bedeutende Passage wird durch eine bedeutende Geste erhoben, dem stoischen Gesichtsausdruck folgt eine Pointe. Nachher werden die Menschen sagen, eine wunderbare Rede, aber der Gourmet in Herrn Meyer kam zu kurz. Das stimmt nicht, denn Herr Schenk meinte, er sammle gerne Pilze, am liebsten Herrenpilze und Dominique Meyer wäre einer. Etwas Besseres kann man über einen Gourmet nicht sagen.

Erstellt am 05.12.2011