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02.07.2014

Die Kleinen werden immer größer

Die Favoriten schwitzten sich ins Viertelfinale, weil die vermeintlichen Außenseiter groß aufspielten.

Marc Janko | über starke WM-Underdogs

Das Achtelfinale war nichts für schwache Nerven. Vor allem die Spiele mit vermeintlich klarer Rollenverteilung boten große Spannung. Die Niederlande, Brasilien und Deutschland mussten zittern und hätten ausscheiden können. Keine dieser Mannschaften agierte dominant oder souverän. Ich wehre mich jedoch dagegen, dass die Großen ständig schlecht geredet werden, vielmehr sollte man die Kleinen groß reden: Wer bis ins Achtelfinale kommt, muss etwas können – und kann an einem guten Tag jederzeit einem Großen gefährlich werden.

Bei Deutschland hat mir Tormann Manuel Neuer imponiert. Er hat die Torhüter-Rolle neu interpretiert und der Mannschaft damit in einigen brenzligen Situationen sehr geholfen. Natürlich ist es riskant, wenn er so weit aufrückt. Ich glaube auch nicht, dass er das gegen ganz große Nationen wiederholen wird. Im Spiel gegen Algerien war diese Rolle aber sehr wohl kalkuliert.

Deutsche kommen weiter

Auffällig ist auch die deutsche Abwehr mit vier gelernten Innenverteidigern. Natürlich ist es für einen Stürmer ungewohnt, gegen so ein System zu spielen. Ich finde, dass den Deutschen dadurch auf den Außenbahnen der Druck nach vorne fehlt, da diese Innenverteidiger nicht ihre Stärken im Offensivspiel an den Flanken besitzen. Daher wäre meiner Meinung nach Philipp Lahm rechts hinten besser aufgehoben, weil er dort viel effektiver spielen kann. Er ist generell für Überraschungen gut, aber im Zentrum erzeugt er nicht unbedingt viel Druck nach vorne.

In Hinblick auf das Halbfinale gegen Frankreich würde ich die Deutschen leicht favorisieren. Nicht nur, weil sie sich steigern werden, sondern vor allem, wenn es ihnen gelingt, Benzema zu neutralisieren, sehe ich sie im Vorteil. Denn dann fehlt den Franzosen eine echte Alternative und damit die nötige Durchschlagskraft im Offensivdrittel. Umgekehrt hat Deutschland im Offensivspiel mehrere Alternativen, kann von der Bank hohe Qualität einwechseln wie Klose, der gegen Ghana traf, oder Schürrle, der gegen Algerien das 1:0 erzielte.

Die perfekte Welle

Das zweite Freitag-Spiel zwischen Brasilien und Kolumbien wird ebenso interessant. Kolumbien schwebt mit James Rodríguez, dem derzeit alles gelingt, auf Wolke Sieben. Es wird verdammt schwer für Brasilien, und die Spieler wissen das nach dem mühsamen Weiterkommen gegen Chile.

Die Stimmung der Zuschauer im Stadion ist dabei schnell gekippt. Daher wird es für Brasilien extrem wichtig sein, gut in die Partie zu starten und gleich die Fans mitzureißen. Gelingt das, gelingt auch der Aufstieg. Gelingt es ihnen aber nicht, werden die Kolumbianer das Rennen machen. Sie haben nichts zu verlieren und bis jetzt schon für Furore gesorgt. Brasilien hängt bisher in diesem Turnier zu sehr von Superstar Neymar ab. Ich habe das Gefühl, alle erwarten von ihm, dass er fünf, sechs Gegner ausspielt und dann das Tor erzielt. Und seine Kollegen verlassen sich zu sehr darauf. Neymar spielt hervorragend, aber im Alleingang kann auch er nicht alle überspielen und schlagen.

Marc Janko ist Kapitän des österreichischen Nationalteams und analysiert für den KURIER die WM.