Meinung
16.02.2018

Nicht versöhnt

Es ist nicht immer schön, jemanden aus der Vergangenheit wiederzutreffen.

Es ist nicht immer schön, jemanden aus der Vergangenheit wiederzutreffen.

Barbara Kaufmann | über alte Freunde.

Es ist seltsam, einen Freund aus der Vergangenheit wiederzutreffen und plötzlich mit dem Menschen konfrontiert zu werden, der man früher einmal gewesen sein soll. Natürlich hat man Erinnerungen. Aber doch eher an Momente, an Stimmungen und Situationen, nicht unbedingt an sich selbst. In den Laden der alten Kommode liegen zwar Fotos von damals, zerknittert und manche ein bisschen unscharf, auf denen ein jüngeres Ich ist. Fröhlich in die Kamera blickt, manchmal scheu, manchmal wütend. Und man sieht T-Shirts wieder, die man schon vor Jahren aussortiert hat. Nur ein paar davon liegen noch in einer Schachtel ganz hinten im Kasten, schon komplett von den Motten zerfressen, aber weil sie für einen besonderen Sommer stehen oder ein Konzert, das man nie vergessen kann, will man sich nicht von ihnen trennen. Man erkennt sich also auf den alten Bildern wieder, aber trotzdem bleibt man sich ein bisschen fremd. Und das ist vielleicht auch gar kein schlechtes Zeichen.

Aus der Vergangenheit

Es war kurz vor dem Jahreswechsel in einem Café in der Innenstadt, da saß am Nebentisch plötzlich jemand, dessen Gesicht mir bekannt vorkam. Die Falte auf der Stirn während er sprach, die Art, wie er die Tasse hielt, der Tonfall seiner Stimme. Ein Freund aus der Vergangenheit. Damals im Sommer kurz vor meinem 19. Geburtstag muss es gewesen sein, als wir uns getroffen haben. Ich weiß nicht mehr wo. Wahrscheinlich am Ufer des Donaukanals, wo wir nachts keine Bänke gebraucht haben, sondern am Asphalt saßen, der noch warm war von der Sonne.

Ein paar Wochen sind wir zusammen gewesen, das bedeutete damals nicht viel. Und irgendwann waren wir es dann nicht mehr. Sitzen zwei Tauben am Dach, fliegt eine fort, mehr ist nicht geschehen. Fast 20 Jahre sind seit damals vergangen und ich freute mich wirklich, als ich ihn wiedersah.

Ich sprach ihn an, doch als er mich seiner Begleitung vorstellte, sah sie mich verächtlich an, als wollte sie mich damit an seine Verachtung für mich erinnern. Das Gespräch war zäh, es stockte immer wieder und nach wenigen Minuten war klar, die Freude über das Wiedersehen war einseitig. Und irgendwann in diesem Gespräch, das schrecklich schief lief, sagte er plötzlich: „Das ist ja wieder typisch für dich.“ Und es klang nicht sehr freundlich.

Da dachte ich an die vielen Steine am Weg, über die ich gestolpert und gefallen war seit unserem letzten Zusammensein. Ich dachte an all die Menschen, die ich verloren hatte, die vielen Tests, die ich nicht bestanden hatte. An das Dickicht aus Angst und Depression, in dem ich mich jahrelang verfangen hatte und daran, wie lange es gebraucht hatte, um mich daraus zu befreien.

An all das musste ich denken und fand es schade, dass er nicht zulassen konnte, auch daran zu denken. Daran, dass wir beide heute Andere waren. Sicher keine besseren Menschen, denn anders muss nicht immer besser sein, aber nicht mehr die, die wir damals am Donaukanal gewesen waren. Dass er an einer Wut festhielt, die ich nicht verstand und mir auch gar nicht die Möglichkeit gab, sie zu verstehen.

Er beendete schließlich das Gespräch abrupt und ging, ohne sich umzudrehen. Vielleicht braucht es ja noch einmal 20 Jahre, bis er sich verabschieden kann.

barbara.kaufmann@kurier.at