Wie ein Bauprojekt ein Aushängeschild beschädigt.
03/06/2017

Jedes zehnte Fenster zumauern

30 Millionen, die aus dem ORF-Baubudget herausgerechnet wurden, sollen einfach so verschwinden. Wer soll das glauben?

von Philipp Wilhelmer

Der ORF fährt gerade in Zeitlupe auf einen tiefen Graben zu. Fatalerweise sitzen alle am Steuer, aber keiner lenkt.

Philipp Wilhelmer | Wie ein Bauprojekt ein Aushängeschild beschädigt.

Der ORF fährt gerade in Zeitlupe auf einen tiefen Graben zu. Fatalerweise sitzen alle am Steuer, aber keiner lenkt. Der Generaldirektor nicht, denn er entscheidet nicht. Der Stiftungsrat nicht, denn diesen scheint es als Aufsichtsgremium eigentlich nicht wirklich zu geben. Anders ist es nicht zu erklären, wie man aus einer Kalkulation 30 Millionen herausrechnet, um zwei Projekte zu vergleichen, beim Beschluss aber darauf verzichtet (vergisst? drauf pfeift?), sie wieder in die Kalkulation zu nehmen. Der Stiftungsrat verlangte von Alexander Wrabetz, um 303 Millionen Euro den Küniglberg zu sanieren. Dass die großen Sendestudios und ein paar andere herausgerechnete Flächen dabei einfach nicht mehr berücksichtigt wurden, sorgt nicht für Entsetzen, sondern für Schulterzucken.

Wechselseitiges Fingerzeigen

Bei Wrabetz, der eben „sehr ambitionierte Zielvorgaben“ sieht (also auf den Stiftungsrat zeigt). Beim Stiftungsrat, der meint, der General müsse halt mit dem Geld auskommen. So wird Verantwortung geteilt, bis nichts mehr davon übrig bleibt. Bloß: 30 Millionen lösen sich selten in Luft auf. Schon gar nicht, wenn man sie zahlen soll.

So politisch das Gezerre war, wo der ORF sich neu aufstellt (die SPÖ war für Neubau in St. Marx, die ÖVP für Verbleib am Küniglberg), so gleichgültig geht es also an die Umsetzung. Oder glaubt man wirklich, ein zukunftsfähiger ORF kann einfach um zehn Prozent billiger werden? Wie macht man das? Jede zehnte Schraube einsparen, jede zehnte Kamera nicht anschaffen? Jedes zehnte Fenster zumauern? Die Art und Weise, wie hier Geschäftsführung und Aufsichtsgremium bei einem risikobehafteten Großprojekt vorgehen, ist besorgniserregend. Entweder droht dem ORF ein finanzielles Desaster oder der Bau wird billig, unzureichend und eines Aushängeschildes unwürdig. In beiden Fällen hätte man die Zukunft des Unternehmens verspielt.

Dafür wird es etwas mit den Channels

Die Channelstruktur für ORFeins und ORF2 nimmt dafür langsam konkrete Formen an. Im April werden die Jobs ausgeschrieben, davor muss Wrabetz noch die Redakteure weichklopfen, die gegen die geplante Bestellung von Roland Brunhofer als ORF2-Chef Sturm laufen. Armin Wolf, Dieter Bornemann und Fritz Dittlbacher als Triumvirat der journalistischen Deutungshoheit fürchten bereits nicht zu Unrecht, man werde ihren Einflussbereich beschneiden. Am Küniglberg wird auffällig die Gerüchteküche befeuert, was den ehemaligen Salzburger Landesdirektor angeht: Brunhofer ist schon seit Jahren immer wieder im Gespräch für Topjobs in Wien, die stets die Entmachtung der drei ORF-Journalisten bedeutet hätte.

Zumindest einer ist nun direkt für eine der größten journalistischen Schlappen der ORF-Information verantwortlich: Die Tempelberg-Affäre rund um Norbert Hofer hatte Armin Wolf mit mangelhafter Recherche dem Unternehmen eingebrockt. Chefredakteur Fritz Dittlbacher war düpiert, und Redakteursvertreter Bornemann fiel dazu auch nicht mehr viel ein. Zumindest nichts Kritisches. Reform, anyone?

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