Freizeit-Sexkolumne im Blog: SCHAUKAMPF

Irgendwie blöd, wenn beim Sex noch wer mitmischt - der so genannte innere Kritiker nämlich. Der z.B. findet, dass der Hintern beim Akt so rüberkommt wie Büffelkäse oder aber Angst um die gute Erektion hat.

Höchste Zeit, dem dritten Auge eins auszuwischen.

Bei Silvia sind's die Venen. Susi hat's mit den Oberschenkeln - dem ungeliebten "Beinschinken". Gittis mentales Störfeld ist rund um das Herdfeuer angesiedelt: Was koche ich heute? Wie viele Semmerln passen in so ein Serviettenknödel? Oder aber: Milch nicht vergessen, Milch, Brot und Butter! An all das denken manche Frauen, während sich deren Männer schnackselnderweise in der Causa Damenspende engagieren. Statt sich dabei aber in einen Rausch aus Geilheit zu verlieren oder aber in genießerisches Nichts, wuseln hunderte Gedanken, Assoziationen und Sorgen durch das weibliche Köpfchen. Am häufigsten kreisen diese um sie selbst: Was, wenn der Hüftspeck im Sog der leidenschaftlichen Schwerkraft wackelt wie Götterspeise, die Schwimmflügel an den Oberarmen aussehen wie Büffelmozzarella oder der Bauch bei Doggie-Style flattert wie eine Hängematte im Föhnsturm? Oft einmal geht es auch um das Thema richtig/falsch: Bin ich zu feucht, zu trocken, bewege ich mich zu rasant oder zu langsam und, bitteschön, klingt jetzt mein Stöhnen, als hätte ich mich an einem Fieberzäpfchen verschluckt?Spectatoring nannten die Sexualforscher Masters und Johnson dieses Phänomen schon in den 1970er-Jahren: Die Neigung, sich beim Sexualakt selbst zu beobachten. Doch das leider nicht inspirativ prickelnd und auf erotischer Wellenlänge - neugierig auf das, was da kommen möge. Sondern: kritisch, superkritisch, überkritisch. Statt schlicht-geilen Spaß zu haben, sich auf Berührungen, Eindringlichkeiten, Spielereien und Atmosphärisches zu konzentrieren, kann die Frau nicht anders, als an ihr Erscheinungsbild oder an das Leben an sich zu denken. Huch da, huch dort - geht gar nicht, ist schlimm, wie schau ich denn aus, woher komme ich, wohin gehe ich und die Wäsch' muss auch noch gewaschen werden. Das tut den Damen und ihrem Unterleib gar nicht gut. Studien gibt es natürlich auch zu dem Thema - und die besagen etwas, das auch ohne Expertise auf der Hand liegt: Frauen, die während des Verkehrs abgelenkt sind, finden weniger Erfüllung. Sie kommen weniger oft zum Orgasmus und täuschen ihn häufiger vor. Aber, aber - und das ist interessant: Das ist kein exklusives Frauenproblem. Männer agieren ebenfalls als Voyeure in eigener Sache, Spectatoring ist ihnen nicht fremd. Ihr innerer Kritiker oszilliert bevorzugt im Leistungsbereich: Werde ich ihn hochkriegen? Wird er eh steif bleiben? Was, wenn ich zu früh komme? Und dann, autsch, geht gar nix mehr. Was Betroffenen hilft: eine Kombination aus Loslassen und Konzentration - etwa mit Hilfe von Atem- oder Achtsamkeitsübungen. Dabei geht's einfach nur darum, sich mehr auf das, was ist, zu fokussieren - auf Empfindungen, Gefühle, Erfahrbares. Zum Trost - selbst Tiere haben es nicht immer leicht, sich ganz und gar der Lust zu widmen. In Alfred Kinseys Sexuellem Verhalten der Frau kann man das nachlesen: "Mit Käsekrumen, die man einem kopulierenden Rattenpärchen hinwirft, lässt sich das Weibchen ablenken, das Männchen nicht." Ja, natürlich.

Erstellt am 05.12.2011