Die Sexkolumne im Weblog: MISTER SITZSACK

Ein Mann und seine Wohnung: Wenn sie das erste Mal sein Nestchen betritt, dann ist das ein vielsagender Moment. Denn so eine Inneneinrichtung signalisiert oft einmal mehr als dem Typen lieb ist.

Für die Frau hingegen stellt sich die Frage: bleiben oder gehen?

Es gibt sie, diese Momente bitterer Wahrheit. Etwa, wenn eine Frau das erste Mal die Wohnung eines potenziellen Lustspenders betritt, auch wenn es erst einmal nur zum Schmusen wäre. Da steht er, der Herr in den Startlöchern, und öffnet der Angebeteten das Tor zu seiner Herzkammer auf Hauptmiete. Hereinspaziert, Traumfrau. Willkommen, bienvenu in meinem bescheidenen Nest. Und, harhar, nicht nur der Schampus steht schon für Madame bereit. Je nach Einrichtungsgeschmack hat dieser Augenblick das Zeug zum Frigiditätstrigger. Denn oft einmal fällt das Geilheitsbarometer bereits an der Schwelle zum Eigenheim des gar pfiffigen Kerls ins Bodenlose. Mit ein bisserl schlechtem Karma ist der Typ nämlich begeistertes Mitglied der "witzigen-Fußabtreter-Fraktion". Und man darf sich seine Stilettos an einer Türmatte in Form eines Dackels, Rennautos oder, ähem, Fußballfeldes abputzen. Bei solchen ist übrigens ein Türschild Marke "urkomisch" sehr wahrscheinlich. Es soll Besuchern mit launigen Texten signalisieren, dass da ein echt lässiges Scherzkeks residiert. Zum Beispiel: "Hinknien, anklopfen und um Audienz betteln." An diesem Punkt besteht trotzdem noch ein Molekül an Hoffnung. Denn, wer weiß? Möglicherweise verbirgt sich hinter dem Witzkisten-Entrée doch noch etwas, das die Szene mit Gleitgel untermalt. Man visualisiert raues Leder, originelle Flohmarkt-Sammlerstücke, männliches Understatement. Im Kopf wabern Bilder von gedämpften Farben, italophilen Accessoires, asiatischer Großzügigkeit und figurenfreundlichem Licht. Man sieht sich in die Seidenbettwäsche eines namhaften Designers beißen - auf einer Kingsize-Spielwiese mit orgasmischer Aussicht auf die schlummernde Stadt. Und dann steht man im Vorzimmer und weiß, da wird genau nix draus. Weil schon im Vorzimmer speibgrüne Bodenfliesen, Oktoberfestherzerln aus der Kreidezeit und herb riechendes Schuhwerk signalisieren, dass hier nicht nur kein Freund des gehobenen Geschmacks wohnt, sondern auch ein leidenschaftlicher Banalitäten-Sammler. Okay, vielleicht sind Vorzimmer ja völlig überbewertet - aber in so einem Ambiente werden nur völlig volltrunkene Frauen überwältigt zu Boden gehen und im Lurch nach einer leidenschaftlichen Nummer winseln. Doch möglicherweise ist das auch schon das Beste, was einem in so einer Behausung überhaupt passieren kann. Ich sage nur: Tatort Wohnzimmer! Ich sage: deutsche Eiche. Oder Kiefer natur. Ich sage: Kunstblumen. Sitzsack. Vollautomatischer Massagesessel. Aus hellblauem Kunstleder! Oder in Stützstrumpf-Beige. Ich sage: alte Chianti-, alte Tequila-, alte Bierflaschen aus allen Ländern dieser Welt. Alles Sammelware, aber leider maximal verstaubt. Ich sage: Setzkasten mit herzigen Hunderln, Katzerln und einem Scherzkondom. Ich sage: Stehpinkelreste an rostbraunen Fliesen. Waschlappen und Handtücher aus der 101-Dalmatiner-Jubiläumskollektion. Und noch ein Fußballfeld - diesmal hochflorig, in Gestalt einer Badematte. Spätestens, wenn der gute Mann nun seine iPod-Playlist "Liebesrausch" anwirft und im Schlafzimmer die Playboy-Bettwäsch' einer Orgie harrt, heißt es auf ermattet tun, gähnen, gehen und nie mehr wiederkommen.

Erstellt am 05.12.2011