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05.12.2011

Die Sex-Kolumne im Weblog: UNBEKANNTES TERRAIN

Er hat das, was der Lover aus dem schönen Simmering, Kapfenberg oder Mistelbach nicht hat: Er schmeckt anders, er spricht anders, er tut anders. Was ist also dran am wilden Fremden - was fasziniert die Frauen an der viel zitierten Urlaubsaffäre?

Exzessiv schön ist er oft nicht, aber die kleine Feriengeilheit lässt darüber hinwegsehen. Auch sonst kann so einer meist nicht mehr als der heimische Durchschnitt, aber: Er hat das, was - pardon - der vertraute Simmeringer, Kapfenberger oder Mistelbacher nicht hat: Er ist fremd. Er schmeckt anders. Er spricht anders. Er tut anders. Das, was eine Frau nämlich unter normalen Umständen als No-Go in Hosen von sich weisen würde, wird im Urlaub zum begehrten Schnäppchen. Fick mit Meerblick ist eben anders als Koitus mit Sicht auf einen Wiener Beserlpark, untermalt vom Dröhnen des 46er. Vielleicht ist er Hellene und einer von Millionen Janis, möglicherweise hat er sich als Sven vom hohen Norden an das Tyrrhenische Meer begeben, um dort den bösesten Sonnenbrand seines Lebens abzukassieren. Und, naturgemäß, Frauenherzen. Es kann aber auch sein, dass er in Form eines Pedro in der Tappas-Bar um die Ecke der Pauschaldestination kellneriert und nicht nur frittierte Fischerln, sondern vor allem dieses Quäntchen mehr an Glut in den Augen trägt. Ich spreche von der Urlaubsliebe - von jenen Männern, in dessen Lenden eine Frau landet, wenn sie sich des Alltags enthoben, zu lange in der Sonne gelegen oder reichlich an gemischten Sundownern geschlürft hat. Das soll ja öfter als selten vorkommen, Statistik will ich keine bemühen. Mir reichen die sonnigen Anekdoten meiner Freundinnen. Aber natürlich auch die eigenen, selbstverständlich unendlich lange zurückliegenden, Erfahrungen nach dem dritten Planters Punch, irgendwo sehr im Süden. (Anm. der Verfasserin: Costas hieß er und roch nach frittierten Tintenfischringerln, was auf wundersame Weise gleichgültig war.) Und ein neues Buch: In "Küss mich überall" berichten 33 Damen von erotischen Begegnungen, grenzüberschreitenden Liebschaften und romantischen Abenteuern rund um den Globus - O-Ton: "Sie tanzen Tango in Buenos Aires, küssen im arktischen Winter und lieben am Strand von Madagaskar." Gleich in Kapitel 1 trifft die junge Arzthelferin auf einen griechischen Mechaniker namens Georgios: "Eine Fusion aus Schönheit und Schall." Das klingt nach extrem gutem Sirtaki in der Horizontalen. Doch was ist dran an dem wilden Fremden? Seine Anziehungskraft definiert sich weniger durch besondere Anmut, brillanten IQ oder bestechenden Kontostand, als durch die Tatsache, dass er nicht in den Kulissen des Üblichen agiert. Außerdem ist der Traum des "exotischen Liebhabers" eine beliebte weibliche Fantasie. Vanessa Viola Lau, Autorin des erwähnten Werkes, formuliert es so: "Man erlebt mit allen Sinnen, wenn man reist. Man riecht, schmeckt, fühlt und hört andere Dinge. Das sind auf jeden Fall die besten Voraussetzungen, um auch erotisch unbekanntes Terrain zu betreten." Eine Art belebende Heißblut-Konserve, von deren Exotik sich Frauen vor allem eines erwarten: Ein Verhalten, das sie dem Alltag entreißt. Schön - doch vor zu viel Engagement sei gewarnt: Wer glaubt, der Fremdling mache sich daheim so fesch wie die Plastikgondel aus Venedig, wird mit Sicherheit sehr bald sehr blöd schauen. Denn Souvenirs pflegen zügig zu verstauben.