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22.12.2011

Die Sex-Kolumne im Blog: Séparée der Sehnsüchte

Ein bisschen träumt jeder davon, der länger liiert ist: Vom Reiz des Verbotenen, vom Reiz einer Affäre.

Ich tat's aus der Hüfte, das Zitat gefiel mir. Und flugs floss es in die Tastatur meines PC und von dort auf meine Facebook-Seite: "Einer der besten Sachen an der Liebe ist, wenn man die Schritte eines Mannes die Treppe heraufkommen hört." Dieser saftige Satz stammt von Colette, aber das Luderchen in mir sponn ihn in Eigenregie weiter. Und zwar so: "Stimmt - vorausgesetzt man weiß, es ist nicht der Ehemann, der zu früh und etwas ungelegen nach Hause kommt." Oi, dann ging's los. Irgendwie schien das Posting die Fantasie meiner Facebook-Freunde angeregt zu haben, denn es folgten 15 Mails, in denen angefragt wurde, ob ich denn einen Liebhaber hätte. Und falls nein, ob ich allenfalls einen brauchen würde. Ohne Schmäh: Samt Konfektionsgrößen, Kontostand - und Grundbuchauszügen, attached. Dem nicht genug - zwölf weitere Menschen aus der Gesichtsbuchabteilung fühlten sich aufgrund meines unreflektierten Ergusses inspiriert, ihr Liebes(er)leben detailreich auszubreiten. Ich bekam ein bisschen Post von männlichen Geliebten und viel Post von weiblichen Geliebten. Sie alle delirierten von ihren komplizierten, aber schicksalhaften Beziehungen zum verheirateten Objekt. Das eh total unglücklich mit dem jeweiligen Partner wäre - und, öha, auch längst nicht mehr innerehelich schnackseln würde. Aber: die Kinder! Das gemeinsame Haus! Das Mitleid! Zwischen jeder Zeile las ich vor allem eines heraus: die ungebrochene, schmerzhafte Hoffnung. Und das Timbre eines prolongierten Ausnahmezustands. Affäre. Ein Wort wie Chateaubriand für zwei im Separee eines Haubenlokals. Dazu Jahrgangsschampus und schwerer, alter, teurer - nein sehr teurer - Rotwein. Hölle, was kostet die Welt! Und, öd, aber gut: Carpe diem! All das unterscheidet müde Langzeit-Partnerschaften von der frischen Parttime-Liebe/Lust. Ein Mann trifft seine Affäre zum Petit Dejeuner, Lunch und Dinner. Derselbe Mann trifft sich mit seiner Frau beim Billa, Würstelstand oder Wirten ums Eck. Hauben? Immer nur hochzeitstags. Wenn er bei seinem Ausnahmezustand anklopft, dann öffnet sich die Tür ins perfekte Himmelreich, wo perfekt manikürte Nägelchen am außerehelichen Silberrücken kratzen. Das Lieben in einer Affäre ist punktuell, stets auf den Höhepunkt fokussiert. Da haben volle Mistkübel, angespiebene Kleinkinder und das Wimmerl am Hintern keinen Platz. Alles easy, nullo problemo, alles geil. Stattdessen haben die Geliebten Zeit, sich für den großen Auftritt zu bewahren, zu pflegen, zu hegen. Nights in White Satin statt vögeln auf Baumwolllaken. Folglich wird die Geliebte eher selten im Jogger oder ungeschminkt antanzen. Und auch der Geliebte wird kaum vom Tagwerk verschwitzt das Séparée seiner Sehnsüchte betreten. Affären bestätigen die Ausnahme und verachten die Regel - sie leben vom Drama der unerfüllbaren Nähe. Genau das macht sie so reizvoll, genau deshalb haben die wenigsten davon Chancen auf eine Zukunft. Und genau das ist vielleicht ganz gut so. Gesichtsbucheintrag Nummer 2 zum Thema: "Ich will nicht leben - ich will zuerst lieben und nebenbei leben." (Zelda Fitzgerald). Wie schön. Aber auch: wie gefährlich.