Die Sex-Kolumne im Blog: Durchschaut

Die Sex-Kolumne im Blog: Durchschaut © Bild: KURIER/boroviczeny

Männer, das ist belegt, lügen öfter als Frauen. Ein guter Grund, das fremde Wesen aus dem Ehebett engmaschiger zu kontrollieren. Etwa mit Hilfe des TV-Serienhelden Cal Lightman.

Lange hatten wir fast jeden Abend die Dame mit dem prächtigsten Arsch der Welt zu Gast auf unserer Wohnlandschaft. Während ich an Erdnusslöckchen knabberte und mir mein Mann das vom Alltag ermattete Gebein massierte, wackelte Christina Hendricks mit dem Hintern und geilte den Masseur auf. Schön blöd, weil: Seit drei Wochen ist Sendeschluss - alle DVDs inhaliert, bye bye Mad Men, ciao Bella. Kurzer Serien-Stillstand. Dann tanzte der Fußmasseur mit einem Paket "Lie to Me" an - jener TV-Serie, in der ein Experte namens Cal Lightman Lügner entlarvt. Anhand kurzer, mimischer Ausdrücke checkt er, ob jemand die Wahrheit sagt. Der clevere Cal: "Körpersprache zeigt die Wahrheit - sogar noch aus dem Grab heraus." Okay, das ist jetzt nicht zu vergleichen mit dem Sex-Faktor von Christina, aber der Herr erfüllt mein Bildungsbedürfnis. Ich lerne von Mal zu Mal mehr, andere zu "lesen". Üben tu ich an meinem Mann. Heimlich, natürlich. Man möchte ja im Laufe eines langen Ehelebens iniges wissen: Hat er Sex mit einer anderen? Liebt er mich noch? Kifft er heimlich? Folglich habe ich begonnen, die Körpersprache meines Liebsten auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen und stelle regelmäßig wahnsinnig raffinierte Fangfragen, etwa: "Findest du meinen Hintern zu dick?" Oder, nach dem Sex, banal Philosophisches: "Was denkst du? Beziehungsweise, noch besser: "Wie war ich?" Um dann seine Mimik zu scannen und mit dem Serien-Flunker-Almanach abzugleichen. Als er die Hinternfrage mit einem schwachen "Nein" beantwortete, ortete ich eine leicht verschobene Lippenpartie. Ein Zeichen der Verächtlichkeit? Oder nur Ausdruck leichter Zahnschmerzen, die ihn - angeblich! - seit Tagen plagen? Egal, ich werde alles durchschauen. Denn möglicherweise holt er gar nicht Zigaretten, wenn er sagt, dass er Zigaretten holt! Und vielleicht findet er seine Kollegin geil, obwohl er sagt, nein nein. Warum hockt er täglich so lange im Büro? Und weshalb schaut er danach immer so glücklich? Während ich noch vor einem Monat den Angetrauten heiter ins Nachtleben - zum angeblichen ! Treffen mit mir völlig unbekannten Ex-Schulfreunden, Ex-Kickerhaberern, Ex-Kollegen - entlassen konnte, analysiere ich das Antlitz des Liebsten, bevor er das Haus verlässt und heuchelt: Hach wie freu ich mich auf die Burschen, wart nicht auf mich. Mir geistern Weisheiten durch den Kopf, etwa: "Die Ehe ist eine Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebs" (G. Benn). Und: "Wir finden jemanden attraktiver, wenn er getrennt von uns existiert, als wenn er sozusagen Teil unseres Selbst wird." (J. Morin). Oder: "Traue keinem Mann." (meine Mutter) Zweifel fluten mein Herz, seitdem ich weiß, dass Bill Clinton sich während seiner " I had no sex with this woman" -Rede 26-mal an die Nase griff. Welch Erkenntnis! Der Mann, mein Mann, kratzt sich quasi nonstop an der Nase. Aber auch ich habe von Dr. Lightman gelernt. Als mein immer noch heiß geliebter Schatz gestern fragte, weshalb ich ihn in letzter Zeit so komisch ansehen würde, blieb ich mimiktechnisch cool. Und log: "Weil ich dich gerne anschau, Honey." Dass ich mich danach an der Nase kratzen musste, fällt offiziell in die Kategorie Schnupfen.

Erstellt am 05.12.2011