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05.12.2011

Die FREIZEIT-Sexkolumne im Weblog: Gaumenorgasmus

Gespräche, heißt es, sind der Sex der Seele. Aber was ist mit Kochen, Essen, Genießen? Im neuen Buch „Der Koch“ verführt Martin Suter seine Leser mit einem raffinierten„Love Menu“.

Manchmal reicht aber auch schon ein Germknödel, um die Lust der oralen Phase zu erleben.

Germknödel. Ja, es ist Fastenzeit, aber ich muss unbedingt. Weil die Lektüre des "Kochs" von Martin Suter mich gerade in erotisch-kulinarischen und wohligen Erinnerungen schmoren lässt. Die Germknödel - meiner Mutter, genau. Flaumige Teighügel wie Brüste einer reifen Vorstadtköchin. Dazu ein Bettvorleger aus Mohn, Zucker, Liebe. Rundum flüssig-warme Butter, die sich mit dem Powidl zum Gaumenorgasmus vereint. Tupfer bitte, die Gnädige muss sich in der Sekunde die Sehnsuchtströpfchen vom Kinn wischen. Bucklige Teigwelten, jetzt! Und wehe, es kommt mir einer mit Tiefkühlkost. Die Mama. Was ihr sonst vielleicht an Herzenswärme fehlte, hat sie am Herd wieder gut gemacht. Sie konnte sich in Zutaten vertiefen, in deren Säfte, Würze, Charakter. Sternzeichen Einkocherin, das war sie, genau. So ein Beiried-Tag, zum Beispiel, der hatte nicht nur Fest-, sondern vor allem Symbolcharakter. Wenn Papa nach Fleisch hungerte, entledigte sich Mutter präventiv des Schlüpfers und kochte pur. Vielleicht noch ein Wort zu ihrer Vanillesauce - in der Buchteln aus Flaum schwammen. Deren Duft hing noch Tage nach Verzehr an den Tapeten und im Acryl der Kombinege, in der Mama gerne die Küche bewohnte. Diese Sauce machte sie zur Legende. Doch zurück zu Suter, der in "Der Koch" nicht nur Magensäfte sprudeln lässt. Darin gründen seine Protagonisten nämlich "Love Food" - ein Catering für Liebesmenüs, die sich mit Hilfe ayurvedischer Aphrodisiaka als genitale Teilchenbeschleuniger erweisen. So sehr, dass eine damit inspirierte Hetero-Dame in ihrer Notgeilheit für eine Nacht zur Lesbe mutiert. Über den Charme der Molekularküche, der in diesem Buch gehuldigt wird und so kompliziert wie technisch wirkt, mag zu diskutieren sein. Ich pfeif' ja auf Extrem-Hi-Tech am Herd, weil mir das traditionelle, erdige Schnipseln, Köcheln, Rühren, Backen und Braten viel sinnlicher erscheint. Mit zehn Fingern in einem olivenölträchtigen Ciabatta-Teig zu wühlen, dabei Gelato al limon von Paolo Conte raunzen zu lassen und vom Liebsten Vino Nobile auf die Lippen geträufelt zu bekommen - das garniert Tage mit einer beachtlichen Erektionszulage. Aber diese Lakritzeeislutscher aus dem "Koch" - Kunstwerke aus Lakritzpaste, Honig, Ghee (Mutti sagte Butterschmalz dazu) und Pistazienblättchen - mmmh, die würde man gerne in den Mund geschoben bekommen. Genauso wie Gelierte Spargel-Ghee-Phallen oder Glasierte Kichererbsen-Ingwer-Pfeffermüschelchen. Das alles klingt nach etwas sehr Essenziellem: Langsamkeit. Da ist kein Gehechle zwischen Supermarktregalen, keine Jagd nach schnellem Ab-Futter. Hier köcheln wir sattsam in der kulinarischen Zeitlupe, verlieben uns in Aromen, verharren schmorend am und im Feuer, verlieren uns in der oralen Phase. Und nach dem Slow Food folgt Slow Sex. Jetzt verschwimmt alles in einer leichten Sauce. Auch deshalb hängt das da über meiner Feuerstelle: "Ein Feinschmecker, der die Kalorien zählt, ist wie eine Hure, die auf die Uhr sieht."