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05.12.2011

Die FREIZEIT-Sexkolumne im Blog: Genital hyperaktiv.

Kein Tag ohne Meldung aus dem Golf-Krieg: Tiger Woods kämpft. Gegen seine Geilheit, für seine Ehe. Doch macht es die Diagnose Sexsucht den Herren Fremdgehern nicht viel zu leicht?

Weil's halt recht lässig ist, sich hinter einer Art "Krankheit" zu verstecken...

Früher, ja früher. Da gab es Männer, die - Manns genug - ihre Frauen betrogen haben und auf ungelenke Weise zu ihrem Blödsinn standen. Sie argumentierten ihre aushäusigen Schwächeanfälle zwar nicht sehr überzeugend, aber klassisch: Es ist nicht so, wie du denkst oder aber Ich habe mir nichts dabei gedacht. Und: Es war nicht Liebe, es war nur Sex. Sie brachten dann Dessous, Geschmeide oder üppige Rosensträuße, um sich bei der Gattin zu rehabilitieren. Sie entschuldigten sich, beteuerten und schworen. Das war's dann - mit etwas Glück. Und heute? Alles anders und zwar kompliziert. Weil der Herren Hang zum losen Umgang mit ihrem Sperma zunehmend krank geredet wird. Ein herumvögelnder Tiger Woods, zum Beispiel, kann nicht einfach nur herumgevögelt haben, weil er herumvögeln wollte, sondern weil das auf gewisse Weise pathologisch sein muss. Jetzt saß er in der Sexklinik, wo er im Kreise anderer Abhängiger vielleicht so Sachen von sich geben musste wie: "Hallo, ich bin der Tiger. Ich bin süchtig nach Sex." Und jetzt bitte, Mister Schlawiner, bring deinen Schwanz mit autogenem Training, Yoga, positiven Mantras und Bachblüten schön wieder ins Lot! Und falls du eine Passions-Blume mit praller Oberweite erblickst, denk an Pusteln oder duftenden Waldboden. Aber lass' dich nie wieder auf ein schnelles Sex-Abenteuer ein. Sie sehen, ich bin bei der Diagnose "sexsüchtig" eher skeptisch, vor allem weil sie die Akteure scheinbar aus dem Schussfeld der Eigenverantwortung nimmt. Irgendwie so: "Sorry, ich kann nicht anders, ich muss, ich bin ja quasi krank." Wissen Sie, was ich glaube? Der Mann hat, so sorry, einfach nicht gedacht. Der ist mit Golfbag und Schlägern durch die Welt getourt und hat sich gedankenverloren mit Geilem belohnt. Und nicht nur das. Vielleicht hat er auch Spannung abbauen müssen, den mentalen Druck in Ergüsse gepackt. Seine Leere füllen oder aber einfach nur Spaß haben wollen. Klar, wer da mit der Diagnose "hyperaktives Genital, Sexsucht" winken kann, der ist gleich viel weniger schuld an der Misere. Der kann sich frei sprechen lassen: Moah, der Arme, der kann ja im Grunde echt nix dafür, der wird ja quasi ferngesteuert, da war sicher mal was in der Kindheit, da hat der Vater vermutlich oder gar die Mutter . . . ? So einem könnte man stattdessen aber auch sagen: Hör mal, Bursche, stop it, hör endlich auf, in der Gegend rumzuficken. Huhu, schon mal was von Verantwortung gehört!? Huhu, und was von Liebe? Von Loyalität, von Verbindendem, das mehr währt als zwei, drei schnelle Orgasmen? Idee: Erst fühlen, dann handeln. Das mag naiv klingen, und vielleicht hauen mich dafür jetzt die Psychologen. Kann sein, dass für Promis wie Woods die Auszeit in einer Suchtklinik die einzige Chance ist, sich umzuprogrammieren. Doch für den Otto-Normal-Fremdgänger gilt das schon wieder nicht. Der soll sich gefälligst, bevor er wahllos herumbumst, bei der Nase und sonstwo packen und sich ein bissl zusammenreißen. Und wenn das nicht klappt, okay, dann kann man ja immer noch die Rettung rufen.