über den Wandel von Downloads zu Streaming.
02/23/2015

Das Ende (des Kulturkaufs) ist nah!

von Georg Leyrer

Das Ende (des Kulturkaufs) ist nah!

Georg Leyrer | über den Wandel von Downloads zu Streaming.

Ein bisschen Nachbearbeitung zur Buchpreisminiatur, die ich am Sonntag in die Zeitung geschrieben habe. Kernaussage: Das eBook-Pauschalangebot "Kindle unlimited" von Amazon - Lesen, so viel man will, um 9,99 Euro - wurde in Frankreich für illegal erklärt; es widerspricht der Buchpreisbindung. In Österreich (wo es Buchpreisbindung sogar für eBooks gibt) signalisiert das Kulturministerium, diese Art von Mietangeboten für Kulturprodukte wachsam zu beobachten. Man habe mit dem Preisbindungsgesetz die Möglichkeit, gegen etwaiges künftiges „Preisdumping“ vorzugehen.

Nachbearbeitung

Da hängt nun ein ganzer Rattenschwanz an Problemen dran. Die All-You-Can-Eat-Angebote versuchen zuvorderst ja, eine brennende Frage zu lösen: Wie bringt man die Konsumenten online dazu, überhaupt etwas für Kulturprodukte zu zahlen? Der Online-Einzelverkauf - Songdownload, Film- und eBookkauf - hat zwar in den vergangenen Jahren rasante Zuwachsraten verzeichnet. Aber von extrem niedrigem Niveau aus. Ein Ausgleich für die einbrechenden Tonträgerverkäufe war das nie, nicht einmal annähernd.

Und die Hoffnung darauf scheint darüber hinaus nun zu Ende. Musikdownloads sind 2014 erstmals seit einem Jahrzehnt rückläufig, Streaming ist das neue große Ding.

Und damit ist die nächste Stufe erreicht: Denn die Einnahmen aus Streaming sind kein Ausgleich für die bisherigen Download-Einnahmen. Und schon gar nicht für die physischen Verkäufe. Die Streaminganbieter verweisen darauf, dass sie ohnehin Millionen ausschütten, die anders nicht lukriert würden. Und ja, die Einnahmen sind besser als nichts (wie beim illegalen Kopieren). Darüber hinaus sind die Angebote noch nicht im Mainstream angelangt.

110 Dollar

Sollte die Entwicklung - weg vom Kauf, hin zum Mieten (oder Kopieren) von Kultur - aber so weiter gehen, dann heißt es noch einmal über die Zukunft nachdenken. Der Verkauf von Pop-Kulturprodukten nähert sich dann nämlich mittelfristig seinem Ende.

Für die Künstler sind das wieder neue finanzielle Maßstäbe, an die es sich zu gewöhnen gilt. 6,5 Millionen Mal innerhalb von drei Monaten wurde Bon Jovis “Livin’ on a Prayer” auf Pandora gestreamt, berichtet aktuell die New York Times - wahrlich kein kleiner Hit. Für einen der Komponisten des Songs, Desmond Child, fielen dadurch jedoch insgesamt nur 110 Dollar an.

Und jetzt?

Mit dem Abgesang auf den Einzelverkauf gilt es schön langsam, etwas zu akzeptieren: Die Kulturwelt wird sich darauf einstellen müssen, dass sie aus dem Verkauf von Kulturprodukten in Zukunft viel, viel weniger Geld einnimmt als bisher.

Das hat komplexe Konsequenzen - und ist per se wohl noch kein Grund für Apokalypse-Gedanken. Die Einnnahmenstruktur hat sich verändert, es geht dort, wo das möglich ist, zunehmend um Publikum-Livekontakt, etwa bei Konzerten, Lesungen etc. Das funktioniert für international agierende Künstler teils ganz gut; in Österreich stoßen selbst erfolgreiche Musiker aber rasch an die Grenzen. Mehr als ein paar Mal pro Jahr kann man auch dann nicht die wichtigen Locations bespielen, wenn man gerade wirklich groß ist.

Sondersituation Buch

Der Buchhandel - siehe oben - ist später Gast auf dieser Kulturmiet-Party, und daher entsprechend vorgewarnt. Man startet von einer vergleichsweise besseren Position: Während CDs und DVDs - als Medienträger - im allgemeinen kaum Emotionen hervorrufen, ist das Papier-Buch für den allergrößten Teil der lesenden Bevölkerung ein verbissen verteidigtes Kulturgut. Deswegen hatten es eBooks lange Jahre sehr schwer - Papier ist für viele beim Buch ein viel essentiellerer Teil des Konsums als die CD beim Musikhören (oder die Papierzeitung). Und deswegen steht Amazons eBook-Angebot nicht nur von der Kulturpolitik unter Beobachtung, sondern wird jetzt wohl nicht so bald eine nennenswerte Delle in den Buchverkauf machen.

Wer kauft, schafft an

Eins muss noch ergänzt werden: Der Konsument fühlt sich wohl mit den neuen Angeboten - für ihn wird es eindeutig billiger. Das aber könnte ein Pyrrhus-Sieg fürs Geldbörsel sein. Denn sollten auch andere Säulen der Kultur-Einnahmen - öffentliche Subvention, Live-Veranstaltungen - mal zu schwächeln beginnen, dann könnte es zu einem recht schmerzhaften weiteren Schrumpfungsprozess in der Kultur kommen. Was letztlich auch für den kulturinteressierten Konsumenten schlecht wäre.