über den Summer of '89
11/04/2014

Summer of '89

von Nicole Kolisch

Die M. trauerte dem Oskar so wenig nach wie die Welt der Mauer.

Nicole Kolisch | über den Summer of '89

Es war der Sommer, in dem die Welt zwei Gitarristinnen verlor.

Die M. hatte im Ferienlager der SJ einen Punk kennengelernt. Einen echten, was soviel hieß wie: nicht aus Hietzing, sondern aus Berlin. Der Punk hörte – no na – The Clash und auf den Namen "Oskar aus der Mülltonne". Wie er wirklich hieß, war streng geheim. Wir vermuteten, wegen der Staatsgewalt oder damit seine Sommergspusis ihn nicht bis in den Herbst verfolgten. Vielleicht auch, weil er sich für "Jens-Uwe" genierte.

Oskar roch nach Tschick, Klassenkampf und wechselnden Sorten Limo, die er sich in Ermangelung von Festiger in die Haare schüttete. War der Zuckeranteil hoch genug, stand der Iro wie ein Einser. Wir fanden ihn alle sehr chillig, aber da der Begriff nicht zum Grundwortschatz eines 80er-Teens gehörte, mußte er sich mit dem bodenständigeren "leiwi" begnügen.

Er widerum fand die M. knorke. Die Sterne holte er ihr nicht vom Himmel, dafür von ein paar parkenden Mercedes. Sie klimperten fortan um M.s Handgelenk als Fashion-Statement gegen den Klassenfeind. "Ah! Ça ira", nickte Oskar zufrieden.

Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob er damit gemeint hat "Da geht noch was mit M." oder "Da tut sich was in der Welt." Er sollte recht behalten.

Den Herbst verbrachte die M. mit Ferngesprächen nach Berlin. Es galt Positionen abzuklären. Antifaschismus: ja! Schutzwall: nein! Monogamie: spießig to be discussed…

In meiner Erinnerung ging das praktisch durchgehend so, sehr zum Leidwesen der anderen drei Viertel-Besitzer des Anschlusses.

Die Rechnung folgte auf den Fuß und M., die sich nach der elterlichen Standpauke nicht mehr so sicher war, ob unter dem Pflaster tatsächlich der Strand zu finden sei, verkaufte ihre Gitarre. So konnte sie einen Teil der Kosten begleichen.

Linie 1

Die zweite Gitarristin war ich. Am 25. Oktober hab ich meine Gitarre gegen ein Bahnticket getauscht, um einen Freund in Aachen zu besuchen. Er hatte Premiere in dem Musical "Linie 1", ich hatte mit ihm vorab Text gelernt:

"Das Herz will zerspringen, die Seele verglühen, wenn am Görlitzer Bahnhof die Linden blühen und über die Mauer die Möwen ziehen. Es ist herrlich zu leben in Berlin."

Nur fünfzehn Tage später war das Stück ein Anachronismus.

Die M. trauerte dem Oskar so wenig nach wie die Welt der Mauer. Um die Gitarren ist’s schon ein bissl schad.

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