Österreichische Momente in Berlin

Musiker aus der Heimat verblüffen und beglücken immer wieder

Vergleich zweier Musik-Städte

Die deutsche Hauptstadt hat sechs Berufsorchester, zwei davon von hohem internationalem Standard (das halb so große München hat drei, Wien hat drei bis vier) und drei eher mittelmäßige Opernhäuser (Wien hat drei sehr gute). Unbestritten ist die Klasse der Berliner Philharmoniker, seit einem Jahrhundert dürften sie zu den drei besten der Welt zählen (Kenner auch in meiner Zeitung sehen derzeit für Allround-Repertoires ex aequo die Wiener und die Berliner Philharmoniker und das Amsterdamer Concert Gebouw an der Weltspitze). Täglich ist in der 3,4 Millionen-Stadt musikalisch was los, viel gute bis erstklassige Kammermusik, aber auch Orchestermusik, abgesehen vom Jazz, der in der deutschen Hauptstadt ein höchst vitales, autochthones Leben führt wie in keiner anderen europäischen Stadt (er ist ein unerklärliches Riesendefizit Wiens nebenbei). Diese Szene ist ein wichtiger Grund, sich als kultivierter Mensch hier wohl zu fühlen (es gibt einige noch mehr). Und doch: Wenn Österreicher auf ein Gastspiel, ein Konzert kommen, wird wieder ein Klassenunterschied fühlbar. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Berlin die Hauptstadt eines zehnmal so großen Landes ist, das wie kein anderes auf der Welt Steuergeld für die Kultur ausgibt, relativ und absolut sowieso. Was auch auffällt: Um wie viel älter hier das Publikum bei Klassik und Oper ist als in Wien und anderen österreichischen Städten, ich schätze, der Durschnitt liegt in Berlin um fast 20 Jahre höher... Diese Gedanken kommen einem, wenn man, wie am letzten Freitag, im großartigen Saal der Philharmonie das Glück hat, wieder einmal die Wiener Philharmoniker zu hören, diesmal unter Lorin Maazel. Und am Tag danach die Salzburger Camerata mit Martin Grubinger.

Das Geheimnis der Wiener

Es war das zwei Tage vorher in Wien gebotene Abonnement-Konzert mit Beethovens 6., Debussys "La Mer" und Ravels "Daphne et Chloe". So federnd, weich, subtil und plastisch, so kongenial kann diese wahrscheinlich schönste (im Sinn von harmonisch) Symphonie kein anderes Orchester spielen. Der 80- jährige Maazel, elegant wie immer, ließ den wunderbaren Musikern genau den richtigen Spielraum, forderte sie aber auch mit präzisen Tempi und intelligenter Interpretation, besonders in der Coda. Kammermusik in ganz großer Besetzung sozusagen, die legendäre Weichheit der Streicher und des Holzes als hier wie sonst nirgends passendes Markenzeichen, strömendes Gefühl im Pianissimo wie im Forte, klug im Zaum gehalten von Maazel. Es war ein Glücksmoment, wie ihn mir die Berliner Philharmoniker mit ihrer etwas schärferen, meist dynamischeren (jedenfalls unter Chefdirigent Sir Simon) Spielweise nie so zu vermitteln vermochten, bei aller analytischen, intellektuellen Durchdringung und Subtilität, über die auch sie im Übermass verfügen. Aber vielleicht muss man auch als Musiker und nicht nur Zuhörer in den Grinzinger Weinbergen öfters bei ein paar Gläsern Sturm oder Alten gesessen haben, um diese sich in diese Empfindungen hineinzulegen, oder besser, ihre wunderbare Sublimierung durch das aus Deutschland nach Wien geflüchtete Genie Beethoven emotional ganz auskosten zu können. Die Kritiken in Berlins führenden zwei Zeitungen waren übrigens total konträr, die eine monierte die "Doppel-Sahne", die nichts interpretatorisch Neues geboten habe, die andere war so hymnisch wie dieser sehr subjektive Bericht hier Ihres Bloggers. Das Glück kongenialer, emotionaler Interpretation durch die Wiener empfand ich übrigens auch bei den beiden anderen Natur- verherrlichenden, oder zumindest -interpretierenden Stücken, den französischen, und das, obwohl die Wiener und ich leider viel weniger Erlebtes und Emotionales am und vom Meer einbringen können als über Wien und seine Ausgsteckten. Sentimentales kann ja auch stören... Das lange und stehend applaudierende Berliner Publikum bekam dann noch eine Zugabe (bei den Berliner Philharmonikern prinzipiell ausgeschlossen), den Ungarischen Tanz Nr.3 vom deutschen Wahlwiener Brahms (Wie wäre es beim nächsten Mal mit dem Cardas aus Johann Strauss' "Ritter Pasman"? Wäre auch altösterreichisch-ungarisch und weniger abgenutzt als Zugabe, zumindest in Berlin?) Das österreichische Glücksgefühl an diesem Wochende währte länger: Am Tag darauf die Camerata aus Salzburg und mit ihr der famose Multipercussionist Martin Grubinger, 27, in der Philharmonie. Beide waren großartig und Grubinger wieder einmal viel mehr als nur der ohnehin schon weltbekannte Artist mit den Klöppeln und Trommelstöcken. Höchste Klasse, Intelligenz u n d Gefühl, das ist wohl eines der großen Geheimnisse österreichischer Musiker, wenn nicht das Geheimnis schlechthin. Was uns Österreichern sonst so gerne zum offenen oder heimlichen Vorwurf gemacht wird, die Gefühlsdominanz vor analytischer Schärfe und kühler Distanz (auch von unseren eigenen Großschriftstellern, die gleichwohl noch emotionaler und viel irrationaler sind als ihr Volk, das sie so lustvoll beschimpfen), wirkt hier, bei der Musik, als Geschenk. Und ich entschuldige mich hier gleich bei kritischen Lesern für solche Banalitäten und bitte um Nachsicht: Sehen Sie einem, der seit Jahrzehnten im verfreundeten Ausland lebt, den Begeisterungsausbruch nach. Er muss auch mal geschrieben werden. Grubinger, der als Abschluss einer einwöchigen Konzerttournee mit der Camerata sein erstes Konzert in Berlin gab, war ebenso glücklich über die Resonanz des Publikums, wie dieses, als er es buchstäblich vom Sessel riss. Auch Grubinger, der viel in Deutschland auftritt (er ist u.a. Liebling des renommierten Schleswig-Holstein-Musikfestivals), ist mit seiner Virtuosität, dem Charme und seiner Spontaneität ein Botschafter Österreichs. Nicht nur wenn man ihn mit salzburgerisch angehauchtem Hochdeutsch so locker und freundlich reden hört, seinem bei nicht nur jungen Fans legendären Charme, der jedes Publikum zu Freunden macht (und aufmerksameren Zuhörern als ohnehin), egal ob im spröderen Hamburg oder im sonst so kritischen Berlin. Klar, Supertalente gibt's auf der ganzen Welt, aber wenn einer mit seinem Vater auf der Bühne so virtuos musiziert und dabei auch blödelt (nein: ich versage mir den Vergleich mit den M.s aus Salzburg), wenn man das riesige Repertoire von Klassik über Piazolla bis zu heutigen Experimental-Komponisten (und seinen eigenen Improvisationen) hört, blitzt auch da wieder eine Universalität auf, für die der österreichisch-provinzielle Anspruch auf Leistung und Lebenskunst doch ein guter Humus zu sein scheint. Verklärung? Vielleicht. Aber des Nachdenkens wert, wie ich finde.

Der treueste Botschafter

Womit aber - endlich - auch vom dritten österreichischen Giganten der lebenden Klassik die Rede sein muss: Rudolf Buchbinder beglückte in den letzten Jahren die Stadt (und hier und da auch die Umgebung) regelmäßig, zuletzt Ende Jänner und bald wieder im März. Die Berliner, die es in allem immer etwas größer, etwas lauter, etwas oberflächlicher brauchen als der Rest der Deutschen, haben Buchbinder noch nicht als den Weltsuperstar identifiziert, der er ist, auch nicht der verhältnismäßig kleine Kreis der Klassik-Fans. Würde er einmal nur in einer größeren TV-Talkshow auftreten, wären seine Konzerte wohl früher ausverkauft und, was ich hoffe, er häufiger hier. In Berlin spielt jedes Jahr die Weltspitze der Pianisten, von Pollini über Argerich und Pires bis zu Volodov. Und natürlich der Liebling der Berliner, der chinesischen Klavier-Panda Lang Lang. Ich habe aber in den letzten Jahren nur einen Pianisten hier gehört (mit Wiener Klassik sowieso), der so großartig, so unendlich gescheit, authentisch und doch so unspektakulär natürlich spielte wie Buchbinder. Und das war auch der hier - und nur hier- beim Publikum unter seinem Wert gehandelte Andras Schiff. Und auch bei dem ist ja die ungarisch-österreichische Tradition unüberhörbar. Natürlich treten in Berlin alle guten österreichischen Musiker (und übrigens auch die Kabarettisten mit großem Erfolg) auf und auch unsere wenigen Pop-Größen wie Christina Stürmer. Die drei hier bewusst hymnisch gelobten aber sind die, die ganz aktuell bei einem Klassik-Fan aus Österreich mehr als alle anderen Heimweh erzeugen. Und, ja: Stolz auf die Heimat - ein Begriffspaar, das im (linken) Berliner Intellektuellen-Milieu sowieso ziemlich verpönt ist, wenn es nicht gerade um Fussball geht oder eine schrille Alternativ-Punk-Trash-Szene jenseits der Spree. Wien geht traditionell sehr ambivalent mit seinen Talenten um, der Grat zwischen unbamherzig und Star-Hype wird auch hier immer schmaler, vielleicht ist das auch ein Effekt aus der Tradition und Überfülle. Aber auswärts, da sind wir glücklich über sie, uneingeschränkt. Danke dafür. Und hoffentlich bald wieder!

Erstellt am 05.12.2011