Überhaupt keine Vorurteile!

Eine neue Patientin kommt in meine Praxis. Sie kommt wegen ihres lange bestehenden und massiven Übergewichtes.

Ich sehe mir die mitgebrachten Befunde durch. Sie ist stoffwechselmäßig gesund. Dank ihrer Jugendlichkeit hat sie noch keine Gelenksprobleme. Aber sie hat deutliche Hautirritationen. Ihr gesamter Oberkörper mitsamt Armen ist mit Pickeln, Pusteln und Krusten übersät. Der Bauch ist frei, aber auch hier hat sie ein „schmerzendes“ Gefühl, sodass ich eine Art „Pannikulitis“, eine „Fettgewebsentzündung“ annehme.

Wir sprechen über ihre bisherigen Abnehmversuche und ohne definitiv danach zu fragen, erzählt sie mir von den ihren Erfahrungen mit Ärzten. Sie ist oft nicht einmal untersucht worden. Wenn Sie eine Krankenstandsbestätigung benötigte, stand nur drauf: "Adipositas". Also: Fettleibigkeit. Egal, was sie wirklich hatte. Das ist nicht nur medizinisch eine wenig ausreichende Begründung, auch für die Patientin ist das eine fast existenzgefährdende Begründung, wenn nicht eine beleidigende Unterstellung. Denn die wahrscheinlichste Lesart einer solchen Krankenstandsbestätigung ist wohl: "Zu dick! Will sich nicht bewegen!" Als wir daran gingen, ein Ziel zu formulieren, das einerseits realistisch, andererseits auch attraktiv genug war, um zu motivieren, standen Ihr die Tränen in den Augen. Kurze Zeit später kam sie mit aktuellen Laborbefunden wieder. Nun war ich diejenige, die überrascht war. Sie hatte eine so ausgeprägte Schilddrüsenunterfunktion, dass ich mich fragte, wie sie überhaupt noch die Kraft aufbrachte, zu mir zu kommen. Und so war auch ich bei einem Vorurteil ertappt worden, das ungefähr so lautete: "Sie wird wirklich nicht wahr haben wollen, wie viel sie isst! Oder es einfach nicht schaffen, weniger zu essen!" Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich bisher noch nie wirklich schwere Stoffwechseldefekte aufdecken konnte, die ursächlich für eine Fettleibigkeit verantwortlich gemacht werden konnten. Wenn Laborbefunde auffällig waren, dann nur moderat und in einer Art und Weise, die kein therapeutisches Eingreifen gerechtfertigt hätte. (Ein anderes Thema sind natürlich auffällige Laborbefunde auf Grund von Überernährung.) Fein! Hier kann ich also mit Sicherheit mit einer adäquaten Therapie einiges erleichtern. Was aber nicht bedeutet, dass die medizinische Therapie reicht. Der Patientin bleibt selbst noch genug zu tun: ihre Ernährung schrittweise umstellen, das Bewegungsausmaß steigern und nicht zuletzt auch daran glauben zu lernen, dass auch sie Normalgewicht haben kann.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011