NZZ-Chefredakteur Markus Spillmann saß noch vor einer Woche fest im Sattel und referierte am Mediengipfel am Arlberg.

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Über den Konflikt in der NZZ:
12/15/2014

Was ist bloß mit diesen Schweizern los?

Chefredakteur Spillmann sollte offenbar einen Teil seiner Macht abgeben, was einen weitreichenden Konflikt auslöste

von Philipp Wilhelmer

Wenn die Schweizer mal richtig streiten, hört man sie in halb Europa

Philipp Wilhelmer | Über den Konflikt in der NZZ:

Was ist bloß mit diesen Schweizern los? Noch vor einer Woche war die „Neue Zürcher Zeitung“ das altehrwürdige Aushängeschild eines modernen Medienunternehmens, das die Risiken des Digitalgeschäfts als Chance begreift und seine vergleichsweise üppigen Ressourcen in Zukunftsprojekte steckt. An der Spitze sah man dort das Duo des smarten Österreichers Veit Dengler und den selbstbewussten NZZ-Chefredakteur Markus Spillmann an den Hebeln ziehen. Ein Projekt, das aus dieser Verfasstheit entstand, war der bald startende digitale Österreich-Ableger nzz.at, der bei Erfolg auch Deutschland mit erobern könnte.

Ein paar Tage später zieht die ganze deutschsprachige Medienbranche den Hut vor den Schweizer Kollegen: Aufsehenerregendere Krachs in der Chefetage hatte nicht einmal der „Spiegel“ zu bieten, dessen renitente Mannschaft in hartnäckiger Kleinarbeit ihren Chefredakteur Wolfgang Büchner aus dem Haus bombte.

Was war passiert? Wenn man den einschlägigen Medienberichten und daran anknüpfenden Deutungen glauben darf: Chefredakteur Spillmann, der auch für die publizistischen Belange des gesamten NZZ-Verlages zuständig war, sollte einen Teil seiner Macht abgeben, akzeptierte das aber nicht. Der allmächtige Verwaltungsrat schuf aber Tatsachen, womit sich Spillmann unter Protest verabschiedete.

Gleichzeitig tauchten inner- und außerhalb des Hauses plötzlich deutsche und schweizerische Namen auf, die seine Funktionen übernehmen sollten. Als publizistischer Gesamtleiter war der "FAZ"-Mann und frühere "Spiegel Online"-Chef Mathias Müller von Blumencron im Gespräch, als Chefredakteur ausgerechnet der Blocher-Vertraute Markus Somm, seines Zeichens Chefredakteur der „Basler Zeitung“. Die altehrwürdige Redaktion lief Sturm.

Um die Sprengkraft letzterer Personalie zu erahnen, muss man die innerschweizerischen Polit-Gräben kennen: Da kämpft der konservative Politiker und Medienmacher Blocher gegen die „freisinnige“ FDP, deren Weltanschauung von der " NZZ" mitgetragen wird. Um das ganze Chaos perfekt zu machen, warnten Insider davor, Blocher könne über Beteiligungen versuchen, die "NZZ" zu übernehmen. Mehrere mächtige Ressortleiter drohten mit Kündigung, hektisch wurde auf das Redaktionsstatut verwiesen, wonach die Redakteure über den Chefredakteur abstimmen müssten.

Am Montag legte sich der Staub und Somm und Blumencron ließen ausrichten, sie seien nicht für die "NZZ" zu haben, Blocher beteuerte, er wolle nicht bei der "NZZ" einsteigen. Spillmann ist trotzdem schon einmal weg und dem traditionsbewussten Verlag wünscht man einen gewitzten Spin Doctor für die Aufarbeitung des Imageschadens, der aus der simplen Entflechtung zweier Jobprofile entstand, die ein und dieselbe Person in Händen gehalten hatte. Fazit: Wenn die Schweizer mal richtig streiten, hört man sie in halb Europa.

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