Griechenland: Wie es ab Juli weitergehen könnte - mit und ohne Hilfsprogramm

© Bild: AP/Petros Giannakouris

Mit der Verlängerung des laufenden Programms um vier Monate hat man Zeit gewonnen - allerdings nicht viel.

Der Reformwille der kommenden Wochen entscheidet

Philipp Hacker-Walton | über ein mögliches "Grexit"

Mit der Verlängerung des Hilfsprogramms für Griechenland um vier Monate scheint der Austritt der Griechen aus der Eurozone abgewendet - zumindest für vier weitere Monate.

Bis Ende Juni soll nun das zweite Hilfsprogramm weiter laufen und dann, so hört man es sowohl von griechischer Seite als auch vonseiten der anderen 18 Euro-Staaten, soll es ein drittes langfristiges Hilfsprogramm geben.

Dass man sich aber wirklich auf so ein umfassendes neues Programm einigen wird können, ist längst nicht sicher. Fünf Szenarien, wie es mit Griechenland ab Juli weitergehen kann:

  1. Super Best Case: Ein drittes Hilfsprogramm ist nicht nötig. Das würde voraussetzen, dass die neue griechische Regierung in Rekordtempo den Kampf gegen Steuerbetrug und Schmuggel (zB von Zigaretten und Benzin) gewinnt und überraschenderweise deutlich mehr Steuereinnahmen verbuchen kann als geplant. Wie durch ein Wunder vertrauen die Märkte Griechenland auf einmal wieder - und das Land kann sich wieder selbst durch Staatsanleihen finanzieren, weil die Zinsen darauf sinken. Sie merken, die Einstufung "Super Best Case" kommt nicht von ungefähr - dieses Szenario ist, auch wenn manche griechische Politiker es ins Spiel bringen (werden), sehr unwahrscheinlich.
  2. Best Case: Es gibt ein neues Hilfsprogramm. Die für beide Seiten wohl beste Variante: Die griechische Regierung kommt in den nächsten Wochen gut mit den ersten Reformen voran, man einigt sich bis Ende Juni auf ein umfassendes neues Programm, das den Griechen weitere Hilfsgelder zusichert und Pläne für nachhaltige Strukturreformen enthält. Damit könnte Griechenland das bekommen, was es nach Jahren der Rezession dringend braucht: Politische und finanzielle Stabilität, sowie ein Reformtempo, das Ergebnisse bringt und gleichzeitig sozial verkraftbar ist. Dieses Szenario wird offiziell von beiden Seiten angestrebt und ist realistisch - auch wenn die Verhandlungen mit Sicherheit ein Kraftakt werden würden.
  3. Risiko-Variante I: Es gibt vorerst kein neues Programm. Und zwar nicht, wie oben beschrieben, weil das Land problemlos auf eigenen Beinen stehen kann, sondern, weil sich die griechische Regierung mit den Geldgebern nicht auf ein neues Programm einigen kann. Etwa, weil Premier Alexis Tsipras von den eigenen Anhängern zu sehr unter Druck steht, bloß keine neue Reformen zuzusagen. Aus heutiger Sicht dürfte Griechenland ohne den Schutz des Euro-Rettungsschirms dann relativ bald das Geld ausgehen - das würde den Druck auf die Verhandlungen zusätzlich erhöhen. Wahrscheinlicher scheint daher im Fall, dass man ein drittes Hilfsprogramm nicht rechtzeitig fertig bekommt:
  4. Risiko-Variante II: Das alte Programm wird noch einmal verlängert. Dieses Szenario könnte rasch ins Spiel gebracht werden, wenn sich in den kommenden Wochen abzeichnet, dass die neue Regierung in Athen mit den Reformen (und zwar sowohl den eigenen, die sie jetzt vorgeschlagen hat, als auch den "Resten", die die Vorgänger-Administration ausverhandelt hat) nicht wirklich voran kommt. Ende April soll die nächste Überprüfung durch die Troika-Institutionen ( EU-Kommission, Europäische Zentralbank, Internationaler Währungsfonds) abgeschlossen sein - und erst dann soll auch die nächste Hilfstranche fließen. Sieht man, dass bei den Reformen wenig weitergeht, ist eine neuerliche Verlängerung naheliegend: Es wäre dann ohnehin 1) noch einiges zu tun, 2) noch Geld im Topf und 3) wären die Verhandlungen über ein großes Reformpaket wohl noch schwieriger, wenn schon der letzte Teil des alten Programms sich als zu große Hürde erwiesen hat. Die Verlängerung hat aber zwei Nachteile: Erstens löst sie keine langfristigen Probleme - man müsste trotzdem irgendwann versuchen, ein drittes Programm aufzustellen. Und zweitens könnte auch mit einer Verlängerung Griechenland das Geld ausgehen - wenn die restlichen Hilfsmilliarden aus dem zweiten Paket nicht rechtzeitig fließen (können), weil die Reformen nicht voran kommen. Dann käme es möglicherweise zu:
  5. Worst Case: Griechenland verliert den Euro. Auf lange Sicht ist ein " Grexit" noch immer nicht abgewendet. Griechenland muss laufend Milliarden-Kredite zurückzahlen - das sind mögliche Stolpersteine. Gleichzeitig haben die griechischen Banken in den vergangenen Wochen einige Milliarden an Einlagen verloren. Geht ihnen das Geld aus und sind sie irgendwann abgeschnitten von Notfallshilfen der EZB, dann müssten sie im schlimmsten Fall notverstaatlicht werden. Mit der Folge, dass der griechische Staat zu einer eigenen nationalen Währung zurückkehren und die Eurozone verlassen muss.

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Erstellt am 27.02.2015