UKIP-Parteichef Nigel Farage bei einer Rede vor Parteianhängern in London

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über Nigel Farage
12/05/2014

Die wundersame Welt des Nigel Farage

Der UKIP-Parteichef und seine (erfolgreiche) Arbeit werfen viele Widersprüche auf.

von Philipp Hacker-Walton

Trotz aller Widersprüche steigt sein Zuspruch

Philipp Hacker-Walton | über Nigel Farage

November-Plenarwoche in Straßburg, Mittwoch Mittag. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat gerade sein großes Investitionspaket vorgestellt und vorgerechnet, wie aus 13 Milliarden an "echtem" Geld Investitionen in der Höhe von 315 Milliarden werden sollen. Die Fraktionschefs von Sozial- und Christdemokraten, Gianni Pittella und Manfred Weber, haben gerade die Debatte darüber eröffnet; sie haben sich zwischen vorsichtigem Lob und leiser Kritik gewunden - man ist offenbar skeptisch, will Juncker aber nicht offen in die Parade fahren.

Es wäre jetzt eine gute Gelegenheit für einen Euroskeptiker rechts oder links der Mitte, einen ordentlichen Auftritt hinzulegen, Junckers Paket zu kritisieren - schließlich sind, von der Finanzierung angefangen, einige Fragen offen geblieben. Ein Herzstück der Arbeit der Kommission und der Pro-Europäer in den Regierungen und im Parlament ist hier gerade freigegeben zum verbalen Abschuss. Es wäre, kurz gesagt, ein Moment für Nigel Farage, den Chef britischen EU-Austrittspartei UKIP (UK Exit Party).

Es passiert: nichts.

Farage würde als Fraktionschef der EFDD ein Slot in der ersten Redner-Runde zustehen; doch er meldet sich nicht zu Wort.

24 Stunden später wird in Straßburg über den Misstrauensantrag gegen Junckers Kommission (ausgelöst von der Luxemburger Steueraffäre) eingebracht; wieder wäre es eine Gelegenheit für einen prominenten Euroskeptiker wie Farage, sich in Szene zu setzen.

Wieder passiert: nichts. Farage meldet sich nicht zu Wort, er stimmt auch nicht mit - er ist einfach nicht da.

Die Episode passt zur wundersamen Welt des Nigel Farage und seiner UKIP-Partei, die - ebenso wie ihr Erfolg - voller Widersprüche ist.

Angefangen bei Farage selbst: Er wettert gegen "die politische Klasse"; gegen "die Elite"; gegen die Spesenritter und Vetternwirtschaft im britischen und europäischen Parlament; gegen Ausländer.

Farage ist selbst seit 20 Jahren an vorderster Front politisch aktiv und seit 15 Jahren EU-Abgeordneter; er ging selbst in eine Privatschule; er hat seine eigene Frau im Parlament als Assistentin beschäftigt; die noch dazu Deutsche ist.

Oder, wie es der Guardian einmal beschrieb: "Farage ist Englands größter lebender Heuchler."

So widersprüchlich wie der Parteichef ist auch der Erfolg von UKIP: Die Partei wettert hauptsächlich gegen Ausländer, die nach Großbritannien kommen würden, um Briten die Jobs wegzunehmen und Sozialleistungen zu kassieren. Die Botschaft wirkt - aber interessanterweise hauptsächlich dort, wo das angebliche Problem gar nicht zu spüren sein sollte: UKIP ist dort am Erfolgreichsten, wo es die wenigsten Ausländer gibt.

Und dann gibt es noch das, was in Großbritannien mittlerweile unter dem "Farage Paradox" bekannt ist: Je stärker UKIP wird, desto weiter entfernt sich das wichtigste Ziel der Partei, dass Großbritannien aus der EU austritt. Parallel zu den steigenden Umfragewerten von UKIP steigt nämlich langfristig auch die Zustimmung der Briten zur EU; im Herbst 2014 hat sie den höchsten Wert seit 1991 erreicht.

Wie das geht? Britische Polit-Experten erklären das so: Farage schafft es zwar, mit seinen Botschaften das Wählerpotenzial von UKIP zu maximieren. Gleichzeitig führt sein brachiales (und oft offenkundig faktisch falsches) Wettern gegen die EU und (EU-)Ausländer dazu, dass mögliche Austrittsbefürworter sich abwenden - entweder von der Debatte oder gleich vom Austritt selbst.

Zugestehen muss man Farage zumindest, dass er in einem zentralen Punkt, der Ablehnung gegenüber der EU, konsequent ist: Er gehörte zu den Gründern von UKIP, nachdem er 1992 aus der konservativen Partei ausgetreten war. Die hatte damals gerade den Vertrag von Maastricht gebilligt, ein Meilenstein in der EU-Weiterentwicklung.

An dieser Stelle gibt es jeden Freitag "Brüssel von Innen" - mit aktuellen europapolitischen Themen und Blicken hinter die Kulissen in Brüssel (und Straßburg und Luxemburg). Ihr Feedback ist ausdrücklich erwünscht - als Kommentar unter den Artikeln, per Email oder auf Twitter (@phackerwalton). Die gesammelten Blogeinträge können Sie hier nachlesen.

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