Wenn der Sport zur Qual wird

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Wenn der Sport zur Qual wird
12/05/2011

Wenn der Sport zur Qual wird

Ex-ÖSV-Direktor Anton Innauer über Leistungsdruck und seine persönlichen Erfahrungen mit dem Burn-out.

Ralf Rangnick hat Stärke demonstriert, indem er seine Schwäche eingestanden hat. Der Fußballcoach, der wegen eines Erschöpfungssyndroms bei Schalke freiwillig den Trainerstuhl geräumt hat, ist kein Einzelfall (siehe Hintergrund "Burn-out: Am Ende Leere"). Der Druck ist allgegenwärtig im Spitzensport. Er macht vielen zu schaffen, ob Seriensieger oder Mitläufer. "Ich hatte Versagensängste", gestand Thomas Morgenstern im KURIER-Interview. Der Skisprungstar hatte das Gefühl, "dass mein Wert als Mensch nur vom Erfolg definiert wird, dass ich unbedingt gewinnen muss, weil sonst bin ich ein anderer Mensch." Sein Entdecker und langjähriger Wegbegleiter Anton Innauer weiß, wovon Morgenstern spricht. Er kann sich auch gut in Rangnick hineinversetzen. In seinen Büchern und Vorträgen beschäftigt sich der Ex-ÖSV-Direktor und Magister der Psychologie mit den Mechanismen und Problemen des Spitzensports.KURIER: Was ist die große Herausforderung für einen Trainer, einen Sportler?Anton Innauer: Der Spitzensport hat ein extremes Spannungsfeld mit einem hohen Anteil an Öffentlichkeit. Das ist wie in einer Führungsposition. Die wissen: Die Leute schauen auf mich, ich steh' unter Beobachtung, in der Verantwortung. Die erwarten, dass ich tough bin, Stärke zeige, dass ich Entscheidungen treffe und vorangehe. Das kann zu einem starken Überdruck führen.Kann der Spitzensport also krank machen? Kann er natürlich. Weil es extreme Belastungen sind. Es ist Stress. Spitzensport ist eine Stressbelastung. Auf der einen Seite die Aufgabe als Sportler, auf der anderen Seite die Rolle, die man in der Öffentlichkeit spielt. Das geht so lange gut, so lange es der Mensch puffern kann, so lange er biegsam genug ist. Aber wenn man das nicht mehr verarbeiten kann, dann kann es zum klassischen Burn-out kommen. Irgendwann kommt man mit dem Stress, der Erwartungshaltung, mit dem Training nicht mehr zurecht. Man hat das Gefühl, man darf nur noch gewinnen, sonst sind die Leute nicht zufrieden.Ist der Druck auf Sportler und Trainer in den letzten Jahren denn gestiegen? Ja und nein. Natürlich ist heute mehr Geld im Spiel, es gibt mehr mediale Aufmerksamkeit. Aber es hat früher auch schon Sportler gegeben, die sich diesen Stress auferlegt haben. Die sich dermaßen exponiert haben und von sich selbst verlangt haben, nur die Nummer 1 sein zu dürfen. Ich selbst hab' das auch ein bisschen erfahren, ich hab' mich selbst zu sehr unter übermenschlichen Druck gesetzt. Heute würde man sagen, ich hatte selbst auch ein Burn-out.

Als Sportler? Als Trainer, damals nach den Olympischen Spielen 1992 in Albertville. Da ist mir der Saft ausgegangen. Da habe ich gemerkt: So darf man eigentlich nicht Trainer sein. Ich war getrieben und besessen, die besten Ideen hatte ich um 4 Uhr Früh, dann bin ich aufgestanden und habe alles niedergeschrieben. Es ist schon ein Wahnsinnsgefühl, wenn du so brennst, wenn die Kerze auf beiden Seiten brennt. Aber irgendwann ...Aber irgendwann ... Aber irgendwann geht's nicht mehr. Das Fatale ist ja, dass dieses Gefühl genau dann kommt, wenn der Erfolg da ist. Und du fragst dich: "Dafür habe ich das alles investiert?" Und dann kann schon eine ziemliche Leere aufkommen.Apropos Leere: Welche Lehren haben Sie aus Ihren Erfahrungen gezogen? Dass man die Last und Verantwortung auf mehreren Schultern verteilen muss. Dass es nicht sein kann, dass unsere besten Trainer nach drei Jahren ausgebrannt sind. Deswegen habe ich auch früh einen Sportpsychologen ins Team geholt.

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