Raus aus der Tabuzone!

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Raus aus der Tabuzone!
10/10/2012

"Raus aus der Tabuzone!"

KURIER.at sprach mit Georg Psota, Leiter des PSD Wien, über Tabus psychischer Erkrankungen, und was man für seine Psyche tun kann.

von Tanja Teufel

Psychische Erkrankungen sind in ihren Erscheinungsbildern und Schweregraden so vielfältig wie körperliche Erkrankungen auch. Wer jedoch psychisch erkrankt, hat es ungleich schwerer. Noch immer herrschen Tabus vor, sei es im privaten Umfeld oder im Berufsleben. Anlässlich des internationalen Welttags für psychische Gesundheit am 10. Oktober sprach KURIER.at mit Georg Psota, Psychiater und Leiter des Psychosozialen Dienstes (PSD) Wien. Ihm ist es ein großes Anliegen, dass mit Vorurteilen aufgeräumt wird. KURIER.at: Dr. Psota, zur Prävention, Früherkennung und Behandlung körperlicher Krankheiten gibt es mittlerweile eine Menge Aufklärung. Was jedoch psychische Erkrankungen angeht, scheint das Angebot noch unzureichend. Warum ist das so?Georg Psota: Gesicherte Daten darüber kann ich Ihnen nicht nennen, ich meine aber, das ist so, weil in der Gesellschaft die Erkenntnis noch nicht angekommen ist, dass psychische Erkrankungen beim Menschen gar nicht so selten sind. Daher ist es mir wichtig, dass wenn jemand eine psychische Erkrankung hat, diese genauso wertfrei gesehen wird, wie eine so genannte somatische. Ich kenne einen Fall von einem jungen Mann, der in seiner begonnen habenden Schizophrenie einfach nicht mehr in der Lage war, die Erwartungen seiner Umgebung zu erfüllen. Er wurde von seinem Umfeld für schwach, unwillig bis hin zu `plötzlich blöd` erklärt und litt unter massivem Druck. Dann hat dieser Mensch eine lebensbedrohliche Leukämie bekommen. Da war dann allen klar, dass er krank ist. Es war beeindruckend, zu sehen, wie sehr die körperliche Erkrankung angenommen wird, und die psychische nicht. Das ist für schwer psychisch Erkrankte ein besonderer Jammer, und daher würde ich mir sehr wünschen: Raus aus der Tabuzone! Das Geheimhalten ist ja generell ein großes Problem: Wie tut man sich damit, zu einem Arzt oder einer Ärztin zu gehen, wenn es ganz wichtig ist, dass das ja niemand erfährt? Wenn es als Aufnahmebedingung in verschiedenste Jobs gar nicht sein darf? Man darf alles mögliche haben, man darf auch ein Gfrast sein! Man darf nur ja nie psychisch krank oder in Behandlung gewesen sein.Es werden gesellschaftlich aber auch nochmal innerhalb psychischer Erkrankungen unterschiedliche Wertungen vorgenommen. Das ist richtig. Nehmen Sie Burn-out her, das ist gesellschaftlich weit mehr akzeptiert als eine Schizophrenie. Mit Burn-out verbindet man: `Da hat jemand viel Leistung erbracht`, und das wird allgemein positiv bewertet. Wobei man überlegen muss: Der Begriff `ausgebrannt` sagt ja, dass es bereits vorher schon gebrannt hat.

Ein gutes Stichwort. Was kann man denn tun, um psychisch gesund zu bleiben, also beispielsweise nicht auszubrennen? Dazu gehören eigentlich recht altmodische Dinge. Ich nenne Ihnen die fünf Ls: Lernen, Lieben, Lachen, Laufen, und die Libido - im Sinne von `lustvoll` - leben. Bildung ist ein sehr starker Präventivmechanismus. Auch Beziehungen, in denen wir uns wohl und aufgehoben fühlen, in der Kindheit genauso wie in der Jugend und im Erwachsenenalter - auch starke Peergroups - leisten Stabilisierung. Dem Menschen tut es außerdem gut, wenn er sich engagieren kann, er etwas mit Freude macht. Idealerweise kann das ein Job sein, aber auch ein Hobby, das einen ausfüllt. Und in Bewegung bleiben, körperlich wie geistig, und ein lustvolles Erleben dessen. Allgemein kann man sagen: Was dem Körper gut tut, tut auch der Psyche gut - und umgekehrt.Kann man sagen, dass wir auch ein bisschen verlernt haben, zu wissen, was uns gut tut? Man kann sagen, dass wir Schwierigkeiten haben, zu wissen, was uns gut tut und was nicht. Die Frage ist, ob wir das überhaupt jemals schon gewusst haben. Mit den heutigen Möglichkeiten können wir aber - in einer nicht so hysterischen, sondern entschleunigten Lebensweise - zu viel mehr haltbaren, weitsichtigen und substanziellen Erkenntnissen kommen. Wenn jemand aus dem Urlaub jeden dritten Tag in der Firma anruft und wissen will, was läuft - bitte, für was brauch ich da einen Urlaub?Wie kann man gegen Beschleunigung angehen? Man kann sich zum Beispiel unbeliebt machen (lacht). Ja, man kann entscheiden, dass man nicht jeden Tag 200 Mails beantworten will - und auch nicht kann. Ein gutes Zeitmanagement ist wichtig, und Prioritäten setzen. Man kann Druck reingeben und man kann Druck herausnehmen.

Wenn man nun merkt, dass etwas mit einem nicht stimmt - wie kommt man überhaupt zu Hilfe? Wenn man Gefühle der Erschöpfung verspürt, gravierende Störungen des Antriebs auftreten, die Lebensfreude verloren geht, sich Nervosität oder plötzliche Ängste einstellen, Sie keine Kontrolle mehr über Ihren Alkoholkonsum oder Ihr Essverhalten haben, aber auch, wenn man auf skurrile, eigenartige Gedanken kommt oder zu halluzinieren beginnt - dann tut der Mensch, was er auch bei körperlichen Beschwerden tut, und er nicht weiß, an welchen Facharzt er sich wenden soll: Er geht zum Hausarzt. Wenn dieser körperliche Ursachen für Ihre Symptome ausschließen kann, gibt es eine Palette an Behandlungsmöglichkeiten. Beinahe jeder Hausarzt hat mittlerweile Kontakte zu Psychologen oder Psychiatern, mit denen er zusammenarbeitet, und wohingehend er Sie beraten kann.Wie zufrieden sind Sie mit der psychologischen und psychiatrischen Versorgung in Österreich? Im Vergleich zu der Wüste, die noch vor 30, 35 Jahren vorherrschte, hat sich, Gott sei Dank, schon einiges getan. Noch in den Siebzigern gab es Großanstalten, in denen die Erkrankten von der Gesellschaft separiert wurden. Es herrschte eine unfassbare Angst vor der Psychiatrie - darüber zu sprechen, war ein absolutes No Go und mit dem Ausschluss aus der Gesellschaft verbunden. Also, dafür ist in Österreich schon relativ viel weiter gegangen. Uns stehen heute eine Menge therapeutischer Tools zu Verfügung. Die Suizidzahlen, ein starker Faktor, sind in ganz Österreich, besonders in Wien, stark zurückgegangen. Waren es im Jahr 1975 noch 25 Suizide auf 100.000 Einwohner, sind wir heute bei einer Zahl von etwa 12. Wenn das in dieser Weise weitergeht, ist das wunderbar! Und wenn für den Abbau der Tabus psychischer Erkrankungen im Gegenzug Psychiater weiterhin als schrullig und seltsam gelten - gerne! (lacht)

Georg Psota ist Jahrgang 1958, er promovierte 1984 in Wien zum Doktor der Medizin und ist seit 1993 Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. 1985 trat er in den PSD ein, 1994 wurde er zum Oberarzt bestellt. Zuletzt leitete er als Primar das Sozialpsychiatrische Ambulatorium Josefstadt. Psota machte sich laut Aussendung auch im Spezialfach "Gerontopsychiatrie" einen Namen, das sich mit der Früherkennung, der Prävention und Therapie von psychiatrischen Erkrankungen im höheren Alter befasst. Psota ist verheiratet, hat eine Tochter, zwei Söhne und zwei Enkelkinder.