Die Arbeitslast hat in den 90er-Jahren stark zugenommen, sagt der Arbeitspsychologe Christian Korunka: Seither steigt sie schwach weiter an.

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Intensive Hilfe bei intensivem Job
10/05/2012

Intensive Hilfe bei intensivem Job

Die Belastung steigt, Psychologen und Ärzte können helfen – doch die Verteilung der Kompetenzen ist heftig umstritten.

von Ernst Mauritz

Die Belastung steigt, Psychologen und Ärzte können helfen – doch die Verteilung der Kompetenzen ist heftig umstritten. Die psychosozialen Belastungen am Arbeitsplatz nehmen zu – in diesem Punkt sind sich Arbeitsmediziner sowie die Arbeits- und Organisationspsychologen einig. Das Gesundheitsministerium will die Verordnung über die arbeitsmedizinische Ausbildung von Ärzten novellieren: In 30 Unterrichtseinheiten sollen ihnen "arbeits- und organisationspsychologische Inhalte" vermittelt werden. Damit sollen Arbeitsmediziner "künftig noch besser in die Lage versetzt werden, die Arbeitgeber bei den in Rede stehenden Fragen entsprechen zu beraten", so die Erläuterungen.

"Wir brauchen die Kooperation beider Berufsgruppen", sagt Ulla Konrad, Präsidentin des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen (BÖP). "Aber diese Formulierung ist ein Ärgernis. Das wäre so, als würde ich sagen, ich mache einen Erste-Hilfe-Kurs und danach kann ich medizinisch beraten und behandeln. Da müsste ich mir die Ohren zuhalten, um den Aufschrei der Ärzte auszuhalten."

Die Ausbildung der PsychologInnen dauere fünf Jahre: "Diese Grundlage fehlt ArbeitsmedizinerInnen völlig." Es spreche aber nichts gegen die 30 Stunden, wenn sie den Sinn haben, Verständnis bei den Arbeitsmedizinern für die Arbeitspsychologie zu wecken.

"Die meisten Probleme in den Betrieben sind psychologischer Natur", sagt der Wirtschaftspsychologe Othmar Hill: "Mitarbeiter sind an der falschen Position, im falschen Team, es gibt Konflikte zwischen zwei Personen – das sind alles Themen für die Psychologen."

"Es ist nicht unsere Absicht, dass Arbeitsmediziner Aufgaben von Psychologen übernehmen", so Fabian Fußeis vom Gesundheitsministerium: "Sie sollen aber einen Blick auf die Gesamtproblematik bekommen." Im neuen ArbeitnehmerInnenschutzgesetz werde die Rolle der Arbeitspsychologen sogar gestärkt.

Kompetenz

Eine Äußerung von Ärztekammer-Präsident Artur Wechselberger heizte die Diskussion an: Arbeitsmediziner seien speziell geschult, Zusammenhänge zu erkennen, die zu psychischer Erschöpfung und in Folge zu temporärer oder dauernder Arbeitsunfähigkeit führten. – "Die Prävention psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz ist aber eine Kernkompetenz der Psychologen", erwidert Konrad.

"Man muss diese Aussage ganzheitlich sehen", sagt die Christine Klien, Präsidentin der Gesellschaft für Arbeitsmedizin: "Hinter einer Erschöpfung können viele Ursachen und Erkrankungen stecken – Schilddrüsenerkrankungen, eine Depression oder auch nur einfach Eisenmangel. Deshalb muss jede Erschöpfung von einem Arzt abgeklärt werden." Der Arbeitsmediziner wisse viel vom Menschen in seiner Ganzheit und könne auch eine Erstberatung, etwa bei Vorstufen zu einem Burn-out, durchführen. Den Psychologen sehe sie vor allem in der Bewertung psychischer Belastungsfaktoren in einem Betrieb. – Konrad: "Arbeitspsychologen führen selbstverständlich auch individuelle Beratung bei psychischen Beschwerden durch. Sie helfen, strukturelle Probleme – Konflikte in der Firma, Arbeitsüberlastung – von persönlichen zu trennen."

Auch Klien ist für eine Zusammenarbeit: "In unserem arbeitsmedizinischen Zentrum in Vorarlberg ist selbstverständlich auch ein Arbeitspsychologe beschäftigt."

"Den Kommunikationsmüll ausschwemmen"

Wirklich gute Firmen pflegen ihr Betriebsklima – und dazu ist der regelmäßige Einsatz von Psychologen unerlässlich", sagt der Wirtschaftspsychologe Othmar Hill: "Sie tragen dazu bei, im Sinne einer Organisationsdusche Lasten, Belastungen und den ganzen Kommunikationsmüll aus einem Betrieb auszuschwemmen und Missstände in der Kommunikation zu beheben." Doch viele Firmen nehmen diese Thematik und die Bedeutung von Arbeitspsychologen für ein gutes Betriebsklima noch viel zu wenig ernst, betont Othmar Hill.

"In den 90er-Jahren hat die Arbeitsintensivierung – die Steigerung des Arbeitsaufwandes pro Arbeitstag – am stärksten zugenommen", sagt der Arbeits- und Organisationspsychologe Univ.-Prof. Christian Korunka, Uni Wien. "Seither ist sie – auf hohem Niveau – schwach steigend." Die Hauptprobleme seien steigender Zeitdruck, ständige Arbeitsunterbrechungen durch die elektronischen Kommunikationsmittel und die zunehmende Schwierigkeit, eine klare Grenze zwischen Familien- und Berufsleben zu ziehen.

In der vom Sozialministerium geplanten Novelle zum ArbeitnehmerInnenschutzgesetz werde der Problematik der psychischen Belastungen zwar mehr Aufmerksamkeit gewidmet, heißt es beim Psychologenverband (BÖP): " Es fehlt aber die Verankerung der Arbeitspsychologen als dritte Säule in der Krankheitsprävention von Arbeitnehmern – neben den Arbeitsmedizinern und den Sicherheitsfachkräften (zur Unfallverhütung, Anm.) ."

BÖP-Helpline 01 / 504 8000.