Leben
05.12.2016

Zum Kuckuck: Gerichtsvollzieher bei der Arbeit

Keiner will Noisternigs Marke vorgehalten bekommen © Bild: KURIER/Gerhard Deutsch

Wolfgang Noisternig nimmt den Leuten etwas weg. Trotzdem schätzen ihn viele.

Montag, halb sieben Uhr in der Früh, in einem Wohnhaus an der Ottakringer Straße. Ein Mann klopft noch ein zweites Mal an die Wohnungstür. Nicht unbedingt zaghaft. Dann sind von drinnen Schritte zu hören. Die Tür geht auf, und eine junge Frau im Pyjama wischt sich den Schlaf aus den Augen. Während sie einen Schritt zur Seite macht, legt sie den Zeigefinger auf ihre Lippen. "Die Kinder schlafen noch." Sie strebt einen Privatkonkurs an. Immerhin, ihre beiden Fernseher wird sie behalten können. "Die sind nicht mehr als 40 Euro wert", erklärt der unangemeldete Besucher.

Er ist einer von insgesamt 350

Wenn Wolfgang Noisternig an die Tür klopft, verheißt das selten Gutes. Er ist einer von 350 Gerichtsvollziehern, die in Österreich "durchführend" sind, wie Juristen sagen. Was sie damit meinen: Er muss Geld oder Eigentum von den "Verpflichteten" kassieren, muss auf der Suche nach Verwertbarem auch durch die Zimmer der noch Schlafenden stapfen.

Gerichtsvollzieher Wolfgang Noisternig. Die Fotos vom Gerichtsvollzieher dürfen nur nach Rücksprache mit dem OLG Wien noch einma… © Bild: KURIER/Gerhard Deutsch
Umso mehr erstaunt, wie viele Menschen in Wien-Ottakring den Herrn vom Gericht freundlich grüßen. Ein armer Schlucker bietet ihm einen Kaffee an, nachdem ihm Noisternig einen amtlichen " Kuckuck" (Pfändungsmarke) auf den Fernseher geklebt hat. Dann murmelt er: "A Wahnsinn, ohne Fernseher ist das doch kein Leben."

Ein anderer Schuldner freut sich, den alten Vertrauten wieder einmal zu sehen. Er bittet ihn, sich alleine umzusehen. "Meine Wohnung kennen Sie ja." Der Mitarbeiter vom Bezirksgericht sagt: "Einige Klienten kenne ich tatsächlich seit mehr als zwanzig Jahren. Ich bin mit ihnen gemeinsam älter geworden."

Nur die sieben Tabletten

Vielleicht liegt das gute Auskommen auch daran, dass der Gerichtsvollzieher kein Unmensch sein möchte. Als der gut trainierte Schuldner, der die eingeforderten 700 Euro bei einem Fitnesscenter nicht zurückzahlen kann, darum bittet, mit der Raten-Rückzahlung erst nach Weihnachten zu beginnen, nickt er ihm zu: "Einverstanden, kommen Sie bitte am 10. Jänner zu mir aufs Amt." Das müsste er de jure nicht.

Einer säumigen jungen Verkäuferin rät er wiederum: "Zahlen S’ die Polizeistrafe. Weil sonst bekommen Sie einen Brief – für einen Haftantritt."

Beim Herrn K. ist hingegen schon länger nichts mehr zu machen. Darüber sollte vielleicht auch einmal das Inkassobüro des Mobiltelefon-Anbieters nachdenken. Wie soll einer, der auf seinem Konto laut eigenen Angaben "ein Minus von zweieinhalb Tausendern" hat, die inzwischen auf 5000 Euro angewachsene Schuldenlawine jemals zurückzahlen? Der Mindestrentner sagt neben seiner Frau: "Mir gehört in dieser Wohnung eh nichts mehr, nur die sieben Tabletten, die ich jeden Tag schlucken muss."

Gerichtsvollzieher Wolfgang Noisternig. Die Fotos vom Gerichtsvollzieher dürfen nur nach Rücksprache mit dem OLG Wien noch einma… © Bild: KURIER/Gerhard Deutsch
Wolfgang Noisternig bittet ihn um eine Unterschrift. Den Herrn K. stört das nicht weiter. Lieber schimpft er über die große Telefongesellschaft. Der Gerichtsvollzieher, der für das Malheur am wenigsten kann, sagt nur: "Jeder erzählt dir halt ein G’schichterl, manchmal musst du auch ein Blitzableiter sein."

Dabei lässt die Bezeichnung seines Berufs wenig Spielraum für Diskussionen. Er vollzieht nur, was die Richter in der Kalvarienberggasse festgelegt haben.

Öfters wird er auch angeschwindelt: "Bei manchen Leuten weiß ich, dass die ihr ganzes Leben nix zahlen werden." Not macht erfinderisch: Mieter, die anderen Mietern den Strom abzapfen oder mit einer Nadel den Stromzähler außer Betrieb setzen, sind keine Seltenheit.

Wie im ewigen Leben

Es fällt auf, dass der gelernte Speditionskaufmann seinen Beruf nach 37 Jahren noch immer gerne ausübt. Nicht, weil er sich an der privaten Finanzkrise anderer weiden möchte, mehr, weil er einen für Gläubiger und Schuldner möglichst tragbaren Kompromiss erreichen möchte. "Oberstes Ziel muss immer sein, realistisch Geld einzubringen."

Selten, aber doch, gibt es für sein Bemühen auch Lob. Wolfgang Noisternig erinnert sich etwa an eine Schuldnerin, die nach Rückzahlung der letzten Rate in seiner Amtsstube stand und mit einer Tafel Schokolade "merci" sagen wollte.

Seine Philosophie lautet: "Türken, Serben, Kroaten, Österreicher – ich rede mit allen. Denn so wie ich in den Wald hineinrufe, hallt es zurück." Und sein Arbeitsprinzip: "Erst reden. Und wenn das Reden nichts mehr nützt, dann folgt die Amtshandlung."

Gerichtsvollzieher Kuckuck © Bild: KURIER/Gerhard Deutsch
Auf dem Weg zum nächsten Termin wiederholt er: "Es überwiegt eindeutig das Positive." Und nach einer Atempause fügt er lächelnd hinzu: "Das versteht nicht einmal meine Frau." Doch er mag den Umgang mit Menschen, die gemeinsame Suche nach einem Ausweg, auch wenn der Karren oft verfahren ist.

Heute hilft dem 57-jährigen Beamten, der pro Jahr 5000 Akten abarbeitet und 920.000 Euro einbringt, seine Erfahrung. Allerdings kann man sich auch täuschen: "In der Wohnung des Schuldners hat es ausgesehen wie im ewigen Leben. Doch dann macht der die Tischlade auf und zieht 15.000 Schilling heraus." Lange her, und auch nicht die Regel.

Sie bringen den „Kuckuck“: Österreichweit sind rund 350 Gerichtsvollzieher im Einsatz, die meisten, nämlich 140, für das Oberlandesgericht Wien. Das ist aber auch für die Bundesländer Wien, Niederösterreich und Burgenland zuständig. Gefürchtet bei den „Verpflichteten“ ist weiterhin der „Kuckuck“, die Pfändungsmarke.