Leben
10.04.2017

Trotz Skandal: Der Mythos lebt, VW-Fans erinnern sich

Das Ende einer Karriere: Knapp vor seinem 80. Geburstag verkaufte Ferdinand Piëch seine Anteile an Porsche. Die Lust am Volkswagen bleibt. Sieben Menschen erzählen von ihrem ersten VW.

Wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag am 17. April schrieb Ferdinand Piëch, Autopatriarch und Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, das letzte Kapitel seiner Jahrzehnte dauernden VW-Karriere. Er verkaufte seinen Anteil an der Porsche SE – immerhin 14,7 Prozent der Stammaktien – an seinen jüngeren Bruder Hans Michel (75). Ein Stück VW-Geschichte geht zu Ende. Das ändert nichts an den lebendigen Erinnerungen unzähliger Beetle-, Polo- und Passat-Fahrer.

VW-Geschichten, die das Leben schrieb

Fips, Würgli oder Sunshine-Express: Nein, das sind nicht die Namen von Hund, Katz’ oder einem Baywatch-Remake, sondern die sozialromantischen Bezeichnungen diverser Automobile, Marke VW. Wo es um den ersten Käfer oder den Golf geht, ist viel Sentiment. Mit Liebe zu vergleichen, die einmal war. Im ersten Käfer ging es endlich in die weite Welt hinaus, die damals am Wurzenpass begann. Mit dem ersten Golf wurde die Fantasie von Freiheit und Abenteuer ein Stück greifbarer.

Zudem galt gerade der Käfer nicht nur als günstig und zuverlässig, sondern als Sympathieträger, über dessen Aussehen der deutsche Designprofessor Lutz Fügener einmal sagte: "Diese gefällige wiedererkennbare Form, die freundlich ist. Das Kindchenschema mit großen Augen, das den Beschützerinstinkt weckt."

Mit über 21,5 Millionen Fahrzeugen war der Käfer bis zu seinem Produktionsende im Jahr 2003 das meistverkaufte Automobil der Welt, nur übertroffen vom VW Golf. Obwohl seine Geburtsstunde umschattet ist – die ursprüngliche Idee des "Volkswagens" kam von den Nationalsozialisten. Seine eigentliche Karriere begann aber erst nach dem Krieg, als die Käfer-Produktion in Wolfsburg begann. Den Namen hat er der US-Tageszeitung New York Times zu verdanken, die das rundliche Ding mit dem luftgekühlten Boxermotor "Shining Little Beetle" (glänzender, kleiner Käfer) nannte.

Was sieben Menschen über ihre erste VW-Liebe erzählen.

Helmut Gassner (87), Pensionist

Ich war Buchdrucker und Setzer und brauchte Mitte der 1950er-Jahre ein Auto. Der Käfer war damals ein Massenauto, das ich mir leisten konnte. Schön fand ich ihn nicht. Er hatte 30 PS, die charakteristische zweigeteilte Heckscheibe und war dunkelgrün. Beim Schalten musste man Zwischengas geben. Blinker hatte er keinen. Es wurde ein kleiner Winker ausgefahren, nachts leuchtete er. Und das Abblendlicht wurde mittels eines Knopfes neben dem Gaspedal per Fuß eingeschaltet. Meine Tochter Inge Schön-Srb (60, man sieht sie auf dem Foto oben) lebte die Liebe zum Käfer weiter. Ihren ersten kaufte sie sich im Jahr 1980. Er war Baujahr 1975, "babyblau" und sie taufte ihn "Würgli". Der Motor ging 1987, nach 180.000 Kilometern, ein. Auch sie war fasziniert vom Charakter des Käfers. Er war einfach, schlicht, zuverlässig und zäh. Und eigen. Die unausgewogene Beheizung im Fußraum etwa: Links reichte ein Badeschlapfen, rechts brauchte man einen Bergschuh, sagte sie.

Andreas Franek (51), VW-Käferclub-Obmann

Als Jugendlicher hatte man immer Blödheiten im Kopf. Man überlegte sich, was man wieder anstellen könnte. So geschehen nach der Matura im Jahr 1985. Mein Schulfreund Gernot lud einen anderen Schulfreund Peter und mich zur Maturafeier in das Wochenendhaus seiner Eltern nach Breitenbrunn am Neusiedler See, wo wir sturmfreie Bude hatten, ein. Um am Abend in die umliegenden Discos zu kommen, überlegten wir, wie wir uns einen fahrbaren Untersatz beschaffen könnten. Schließlich öffneten wir einen alten Schuppen, wo uns ein VW Käfer, Baujahr 1955 mit Winker in erbsengrüner Lackierung, mit seinen Augen lieblich entgegenblickte. Es war 16 Uhr, der Schlüssel war da, aber Pech: Niemand von uns hatte einen Führerschein bzw. war jemals am Steuer eines Autos gesessen. Aber wir hatten noch genügend Zeit, um bis Discoeinlass genügend Fahrpraxis zu sammeln. Das war mein erster Kontakt mit einem Auto. Ich fuhr Auto – und zwar einen erbsengrünen VW Käfer! Seither schlummert in mir eine Leidenschaft.

Cornelia Patsalidis (61), Psychotherapeutin

Ich war knapp ein Jahr alt, als ich zum ersten Mal in einem VW Käfer saß. Das weiße Automobil, das meine Eltern im Jahr 1957 als Familienauto angeschafft hatten, begleitete mich und meinen Bruder durch die Kindheit. Auch meine Jugend sollte ein Käfer prägen. Der VW-Klassiker hat in unserer Familie nämlich Tradition: Mein Bruder setzte ebenfalls auf die Marke VW und ein Beetle-Modell. Mit dem rot-weißen, "aufgemotzten" Auto lernte ich mit 18 Jahren, Mitte der 1970er-Jahre, Autofahren. Nach bestandener Führerscheinprüfung investierte ich mein Erspartes selbst in ein dunkelgrünes Modell – das war gebraucht und aus der Nachbarschaft, erinnere ich mich noch gut. Der praktische Kleinwagen bedeutete für mich, als damals noch sehr junge Psychologie-Studentin, vor allem eines: Freiheit. Auch heute denke ich noch ganz oft an mein erstes eigenes Auto. Der Käfer steht für mich für ein ganz besonderes Lebensgefühl.

Uschi Gross (57), Pensionistin

Mein erstes Auto war ein bahamablauer Käfer, Baujahr 1965. Er hieß Fips. Das Foto zeigt ihn etwas verblasst im Jachthafen von St. Tropez, als ich mit Fips die große Frankreich-Rundreise machte. Ich habe ihn von meinem Freund geschenkt bekommen, der mich damit für die Führerscheinprüfung anspornen wollte. Die Übung ist gelungen. Wie mit allen alten Käfern hatte auch ich immer das Problem mit der anlaufenden bzw. vereisenden Heckscheibe. Mein Freund Peter hat dann irgendwo einen alten Metallventilator aufgetrieben, den ich in Pink mit Türkis-Blümchen bemalte und im Heck montierte. Viel hat es nicht geholfen, aber mein Fips war dadurch sehr, sehr speziell. Er war überhaupt ein ganz besonderes Auto, das mir sehr viel Freude und mich zu einer wirklich guten Fahrerin und vor allem auch Einparkerin gemacht hat. Damals sagte man ja, wenn man einen Käfer beherrschen kann, kann man danach jedes Auto fahren. Erst als der Boden langsam durchgerostet war, musste ich mich vom Käferl trennen. Ich hab ihn noch lange bei einem Schrotthändler in Hietzing im Garten stehen gesehen, und bin oft extra daran vorbei gefahren. Alte Liebe rostet nicht, nur das Auto.

Achim Schneyder (50),Autor

16. Juni 1985, mein 19. Geburtstag. Ein Kuvert von den Eltern. Darin ein beschriebenes Blatt Papier: "Willst Du das grüne Rätsel lösen, musst Du weiß auf schwarzem lesen. Die Kwersumme beträgt 22." Weiß auf schwarz? Kennzeichen! Quersumme mit K? Kärntner Kennzeichen. Also raus auf die Straße. Und da stand er. Golf Rabbit, grün wie eine aufgetaute Tiefkühlerbse, 50 PS, 51.033 Kilometer. Kennzeichen K 448.402. Mein erstes Auto. Bald erste größere Panne frei nach Kottan. Beifahrer öffnet Türe, anderes Auto schnupft Türe. Schrotthändler in Niederösterreich ausfindig gemacht, der so einen Rabbit mit funktionierender Türe auf seinem Schrottplatz hatte. Ohne Beifahrertüre nach Niederösterreich gereist. Auf der Autobahn. Neue alte Türe eingebaut. Grau. Mit blauem Filzstift "Sunshine-Express" draufgeschrieben. Jetzt hatte das Kind auch einen Namen. Und durfte nach Italien und an die Côte d’Azur. Im Wageninneren haben sich meine Freunde überall schriftlich verewigt. Mit einem fetten, schwarzen Edding. Auch der Typ von der Strandbar in Nizza. Dann Rückfahrt aus St. Tropez. Kolbenreiber kurz vor Villach. Ausgestiegen und nie wieder eingestiegen. – Große Liebe, kurzes Glück…

Sabine und Robert Haider (48 & 53), Lehrer

Im Jahr 1986 kauften wir den VW Bus T2, der als ehemaliger Firmenbus ausgedient hatte. In liebevoller Kleinarbeit wurde eine kleine Kochgelegenheit und eine Abwasch eingebaut. Auch für eine kleine Sitzecke mit Schlafmöglichkeit war noch Platz. Bunte Ikea-Vorhänge und Polster machten die Innenausstattung gemütlich, individuell und für uns perfekt. Am besten in Erinnerung ist uns das Gefühl der Freiheit, dorthin zu fahren, wohin wir wollten, und so lange zu bleiben, wie wir wollten. Einzige Einschränkung war die Tatsache, dass man nie wusste, wie lange die Fahrt ohne Panne dauern würde – im Durchschnitt gab es eine Panne pro Tag, aber da wussten wir uns auch bald zu helfen, da man mit einem Hammerschlag auf den Vergaser oder Starter den Wagen wieder flott brachte. Ohne Klimaanlage, Tempomat, Navi usw. war der Komfort allerdings bescheiden. Mit ca. 90 km/h tuckerten wir nach Griechenland, Italien oder Korsika, wo wir jahrelang den Sommer über die Tage mit Lesen und Surfen verbrachten und dabei die Zeit vergaßen. Mit der Geburt unserer Tochter Anna war es 1993 aber Zeit, den Bus gegen ein Familienfahrzeug einzutauschen.

Johanna-Isabella Awad-Geissler (62), Autorin

Mein Käfer, Baujahr ’68, hat mich 1975 als 20-Jährige nach Kairo gefahren und acht Jahre lang durch mein Leben in Ägypten begleitet. Der Einfachheit halber haben wir nicht den Landweg genommen, sondern die Mittelmeerroute per Fähre von Venedig nach Alexandria. Die Nummerntafel zeigt ein Kennzeichen von Gizah, meinem Wohnort. Gearbeitet habe ich als freie Journalistin für das deutsche Programm von Radio Kairo. Der Käfer war eines der günstigsten Autos – neben Citroën "Ente" (2CV) und Renault R4. Alle drei Automobile waren hart im Nehmen – wichtig für Anfänger und Youngsters – und lustig anzusehen. Sie waren einfach Kult.

Mit 80 zieht sich der Porsche-Enkel aus dem VW-Konzern zurück

Ferdinand Piëch erging es ähnlich wie Krösus, dem legendären König der Lyder (Kleinasien) im 6. Jahrhundert vor Christus. Dieser hatte das Orakel in Delphi befragt, ob er in einem Krieg gegen die Perser siegen werde. Die Antwort: „Wenn du den Halys (Grenzfluss) überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.“ Was auch eintraf: Krösus verlor, sein Reich wurde zerstört.

Piëch, damals mächtiger Aufsichtsratschef des Volkswagen-Konzerns, zog im April 2015 gegen VW-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn in den Krieg. Die öffentliche Kriegserklärung bestand aus einem Satz. „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“, hatte Piëch zu Spiegel online gesagt.

Der Schuss ging nach hinten los: Unter dem Druck des Porsche-Familienclans mussten Piëch und seine Frau Ursula – die Piëch zuvor als seine Stellvertreterin im Aufsichtsrat inthronisiert hatte – gehen. Piëch blieb nur noch Aufsichtsrat in der Porsche SE. Winterkorn konnte sich über seinen Sieg freilich nicht lange freuen: Kurz nach dem Bekanntwerden des Diesel-Skandals musste auch er im September 2015 den Hut nehmen.

Letztes Kapitel

Vor wenigen Tagen hat der fast 80-jährige Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand PorscheFerdinand Piëch wird am 17. April 80 – das letzte Kapital in seiner Jahrzehnte dauernden VW-Karriere abgeschlossen. Er verkaufte seinen Anteil an der Porsche SE – immerhin 14,7 Prozent der Stammaktien – an seinen jüngeren Bruder Hans Michel, der nun 25,1 Prozent an der Porsche SE hält. Die Holding hält rund 52 Prozent der VW-Stammaktien und damit die Mehrheit der Stimmrechte beim weltweit größten Autobauer. Ein Teil der Anteile wurde innerhalb des Porsche/Piëch-Clans weiterverkauft, um das heikle Gleichgewicht zwischen den großen Eigentümer-Familien aufrecht zu erhalten. Kolportierter Wert des Aktienpakets: 1,14 Milliarden Euro.

Nötig hat Piëch diesen Geldregen nicht. Neben den Aktien des Konzerns hat der ehemalige VW- Patriarch mit Hauptwohnsitz Salzburg ein umfangreiches Immobilienvermögen. Weitere Vermögenswerte sind in einer „Anstalt“ in Liechtenstein geparkt.

Privatleben

Dipl. Ing. Dr.h.c.Ferdinand K. Piëch beschäftigte sich bereits im Studium mit Autos: 1962 promovierte er an der ETH Zürich mit einer Arbeit über Formel-1-Motoren. 1972 wechselt Piëch in den Vorstand von Audi, im selben Jahr wurde Audi von VW übernommen. 1968 wird Piëch Audi-Chef, 1993 löst er Carl Hahn als Vorstandsvorsitzender bei VW ab. Unter seiner Führung kauft VW 1998 Lamborghini und Bentley, die Übernahme von BMW scheitert am Einspruch der BMW-Aktionärsfamilie Quandt. 2002 zieht sich Piëch als Vorsitzender in den VW-Aufsichtsrat zurück. Piëch ist verheiratet und hat laut eigener Aussage zwölf eheliche und uneheliche Kinder von vier Frauen.

Das Stickoxid-Dilemma

Am 18. September 2015 wurde die Welt der Autofahrer massiv erschüttert. Nach monatelangen Untersuchungen platzte der Skandal um die Abgasmanipulationen bei Dieselfahrzeugen des VW-Konzerns. Die US-Umweltbehörden gingen mit ihren verheerenden Testergebnissen an die Öffentlichkeit, weil sie sich von den VW-Managern hinters Licht geführt fühlten. VW hatte in der Motorsteuerung der Baureihe EA189 eine illegale Abschaltevorrichtung eingebaut, die bei Tests den Stickoxid-Ausstoß (NoX) massiv runterfährt. VW musste schließlich zu Kreuze kriechen und den groß angelegten Abgasbetrug mittels Schummelsoftware gestehen.

Dieselautos

Weltweit sind zehn Millionen Dieselautos betroffen. Angesichts des frechen Verhaltens von VW statuierten die US-Behörden ein hartes Exempel. VW muss 500.000 „Clean Diesel“ in den USA zurückkaufen und mehr als 20 Milliarden Euro Schadenersatz und Strafe zahlen. Auch in Kanada mussten die Wolfsburger tief in die Tasche greifen. 105.000 kanadische Kunden werden mit fast zwei Milliarden Euro entschädigt.

In Europa sind die Abgasvorschriften nicht so streng wie in den USA, aber auch hier wurden die Abgaslimits jahrelang schamlos überschritten. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt deshalb gegen die VW-Führung.
Zugleich läuft ein Rückruf der betroffenen Fahrzeuge. Sie müssen für ein Motorsteuerungs-Update in die Werkstatt kommen. In Österreich geht es um 388.000 Autos der Abgasnorm Euro 5.

Zulassung

„Ihr Fahrzeug entspricht nicht der beim Neukauf angegebenen Euro-Klasse und befindet sich daher nicht in einem genehmigungskonformen Zustand“, heißt es in einem Schreiben des Verkehrsministeriums an einen VW-Besitzer. „Sie müssen daher der Rückrufaufforderung nachkommen, damit der genehmigungskonforme Zustand hergestellt werden kann.“ Sollte der Autobesitzer dem nicht nachkommen, heißt es weiter, „könnte Ihnen die Zulassung entzogen werden“.

Es gibt aber Autobesitzer, die VW deshalb vor Gericht zerren. Sie verlangen die Rückabwicklung des Autokaufes, sprich, sie wollen ihr Geld zurück, weil ihre Fahrzeuge nicht der Euro-5-Norm entsprechen. In zwei Fällen liegt der Ball laut Anwalt Michael Poduschka nun beim OGH. Einen erhöhten Stickoxidausstoß vor Gericht zu beweisen, gelang den Kunden bisher nicht. „Da VW den Quellcode der Schummelsoftware nicht herausgibt, können wir den erhöhten NoX-Ausstoß nicht nachweisen“, sagt Poduschka. „Ohne Quellcode würde ein Nachweis laut Sachverständigen sehr viel Geld kosten.“

Indes hat VW 2016 einen Verkaufsrekord von 10,3 Millionen Autos erzielt und den Konkurrenten Toyota überflügelt. Das hat zwei Gründe: VW gewährt saftige Rabatte und VW-Fahrer sind traditionell sehr treue Kunden.