Der Arzt und Psychotherapeut Viktor Frankl, aufgenommen am 06.06.1997 in seinem Arbeitszimmer in Wien-Alsergrund

© APA/ROBERT JAEGER

Logotherapie
06/10/2014

Zeit für die Sinnfrage

In Wien entsteht ein Viktor-Frankl-Museum. Seine Lehre trifft den Nerv der Zeit.

von Susanne Mauthner-Weber

Dass ich das Viktor- Frankl-Museum noch erleben darf, macht mich dankbar und glücklich. Elli Frankl

Seine Fans kommen aus aller Welt. Die Schüchternen stehen vor seinem Haus in Wien IX, die Mutigen vor seiner Wohnungstür und die Unverschämten wollen die Räume sehen, in denen er gelebt hat. Das erzählte Eleonore "Elli" Frankl, die Witwe Viktor Frankls, der Autorin dieser Zeilen anlässlich seines 100. Geburtstags vor bald zehn Jahren. "Manch einer will auch in den Geiststall (das Archivzimmer, in dem der Autor von "...trotzdem JA zum Leben sagen" gearbeitet hat).

Elli Frankl hat gelernt, mit der Fangemeinde ihres Mannes, des weltberühmten österreichischen Neurologen, Psychiaters und Philosophen, zu leben. Gut, es sei ein bisschen mühsam, wenn Menschen in ihre Privatwohnung wollen, doch: "Er hat vielen Menschen über schreckliche Situationen hinweggeholfen, und da haben sie das Bedürfnis, wenn sie in Wien sind, ihn aufzusuchen. Viele wissen nicht, dass es die Privatwohnung ist. Sie glauben, es handelt sich um ein Museum."

Genau dieses Museum soll es ab kommenden Frühling geben. Nicht in Frankls Privatwohnung: "Das gesamte Viktor-Frankl-Zentrum in der Wiener Mariannengasse wird umgewidmet", erzählt die Gründerin des Zentrums, Johanna Schechner.

Spenden erwünscht

Dieser Tage machten mehr oder weniger prominente Frankl-Adepten für die gute Sache mobil: Im Rahmen einer Benefizveranstaltung stellten unter anderem die Künstlerin Erika Pluhar, der Philosoph Peter Kampits, der Weihbischof Helmut Krätzl oder der Autor Andreas Salcher "Brennende Fragen" (so auch der Titel der Veranstaltung), die Frankl posthum in Video-Botschaften beantwortete. Der Reinerlös soll ins Museum fließen.

Im Frankl-Museum werden weniger Exponate aufgestellt, "vielmehr soll den Sinn- und Existenzfragen Raum gegeben werden", sagt Schechner, die auch Psychotherapeutin für Logotherapie ist. "Dort soll man nachdenklich sein können und ermutigt werden, schwierige Fragen anzugehen."

Denn "Frankl hat prophezeit, dass dieses Jahrhundert der Frage nach dem Sinn gewidmet sein wird, und ich erlebe diese Aussage bestätigt: Der Mensch, vom Sinn gezogen, lebt gelingend, egal in welchen Um- und Zuständen. In dem Moment, in dem ich mir die Sinnfrage stelle, bin ich schon über das Problem hinaus gerichtet", sagt Schechner.

Keiner wäre besser geeignet, leidende Menschen dazu zu animieren: Viktor Frankl hat das, wovon er sprach, selbst durchlitten. Vor dem Zweiten Weltkrieg entwarf er mit seinem Manuskript "Ärztliche Seelsorge – die Logotherapie" die dritte Schule der Wiener Psychotherapie. Ihr Ansatz: Den Menschen zu helfen, Sinn im Leben zu finden – wenn es sein muss, auch in ihrem Leiden, sofern es unveränderbar ist.

Sein erster Patient

Als er 1942 ins Konzentrationslager musste, war er sein erster Patient. Eleonore Frankl sagte einmal: "Die Ärztliche Seelsorge hat ihn im KZ am Leben erhalten." Frankl selbst drückte es so aus: "Indem ich mir vorstellte, ich stehe in einem warmen Vortragssaal und rede über die Situation eines KZ-Häftlings, habe ich versucht, all das Leid, das uns umgab, zu objektivieren und mich so davon zu distanzieren."

Nach dem Krieg schrieb sich Frankl diese Erlebnisse in "... trotzdem JA zum Leben sagen" von der Seele. Zehn Millionen Mal weltweit verkaufte sich dieses Stück angewandte Logotherapie. Und so fanden sich in Frankls umfassendem Nachlass immer wieder Briefe von ganz einfachen Leuten, die schreiben, "ich habe dieses oder jenes gelesen und es hat mein Leben verändert". Ihre Zahl geht in die Zehntausende.

Die Faszination der Frankl’schen Lehre spiegelt sich schon in seinem Menschenbild: "Jede Person ist neu, einmalig, unersetzbar, und meine Person und der Sinn korrespondieren miteinander." Außerdem funktioniert Logotherapie relativ schnell: Sie gibt den Menschen die Würde zurück – du selbst hast alles, um dein Leben sinnvoll und schön zu gestalten. Das trifft den Nerv der Zeit.

Bessere Menschen

Fans hatte er überall auf der Welt – selbst oder gerade an den dunkelsten Orten: Nach einem Vortrag im US-Gefängnis St. Quentin vor Todeskandidaten gründeten diese einen Lesezirkel, diskutierten über Frankls Bücher und korrespondierten mit ihm. Räuber und Mörder schrieben demütig darüber, wie sich ihr Leben geändert hat. Und was ändert sich im Gefängnis, wenn man weiß, man stirbt bald – nur man selbst. Oder wie Frankl sagte: "Wenn nichts mehr änderbar ist – mein Selbst ist noch änderbar. Man kann aus der Welt gehen als besserer Mensch."

Ruhm und Ehre hat er niemals intendiert, er wollte nur "das Seinige tun", erklärte Frankl seiner Enkelin Katja Ratheiser bei einem ihrer letzten gemeinsamen Spaziergänge. Und hätte wohl ob der ambitionierten Pläne gesagt: "Ein Viktor-Frankl- Museum? Geht’s, so interessant bin ich doch nicht." Dieses eine Mal hätte er wohl gewaltig geirrt.

INFO:

Spendenkonto Bawag PSK,IBAN: AT 28 6000 0000 9217 1181, BIC: OPSKATWWwww.franklzentrum.org

Herkunft

Viktor Emil Frankl wurde 1905 in Wien-Leopoldstadt als zweites Kind von Gabriel und Elsa Frankl geboren. Der Vater war Parlamentsstenograf. Die Mutter stammte aus einer Prager Patrizierfamilie, die auf den berühmten Rabbi Löw zurückgeht. Viktor studierte Medizin und Philosophie.

Verlust

Nach Kriegsausbruch ließ der junge Arzt ein Visum verfallen, um seine Eltern nicht allein lassen zu müssen. 1942 kamen die ganze Familie – seine erste Frau Tilly, die Eltern, der Bruder und er selbst – in Konzentrationslager.
Nach dem Krieg erfuhr Frankl, dass er als Einziger (außer seiner nach Australien emigrierten Schwester Stella) überlebt hatte.

Wendepunkt

1946 lernte er die Zahnärztliche Assistentin Eleonore (oben) Schwindt kennen. Es war der Wendepunkt in seinem Leben. Die beiden heirateten, haben eine Tochter, zwei Enkelkinder und drei Urenkel. Frankl starb 1997.

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