"Sex in Wien": Zwischen Lust und Kontrolle

Sexpo 1971 in Wien
Foto: IMAGNO/Votava/Imagno/Votava 1971: Die Sex-Messe "„Sexpo 71"“ im Wiener Künstlerhaus

Die Ausstellung „Sex in Wien“ erläutert, wie sich die Sexualität in der Stadt verändert hat – und warum Verbote letztlich wenig bringen.

Hätten Sie gewusst, was eine "Porzellanfuhr" ist? Nein, mit dem Transport von Geschirr hat diese nichts zu tun: Wenn zwei Menschen um 1900 in einer Kutsche ungestört sein wollten, raunten sie dem Kutscher das Wort "Porzellanfuhr" zu – dann wusste dieser, dass er besonders vorsichtig fahren musste. Eben so, als würde er Porzellan transportieren.

Diese und andere Fragen werden ab heute im Rahmen der Ausstellung "Sex in Wien" im Wien Museum beantwortet. Mehr als 500 Exponate – vom Schafsdarm-Kondom bis zum Käfig aus dem S/M-Lokal – erzählen die Geschichte der Sexualität in der Stadt. "Es war gar nicht so einfach, die Objekte aufzutreiben – zum Sex braucht man in der Regel ja nichts", lacht Hannes Sulzenbacher vom Zentrum QWIEN (Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte), einer der Kuratoren. Ob Wien einen besonderen Bezug zu Sex hat? "Anders als Amsterdam oder Hamburg ist Wien nicht für sein ausschweifendes Sexualleben bekannt. Jedoch spielten sich hier Highlights der Sexualgeschichte ab – etwa der Diskurs mit den Psychiatern Sigmund Freud und Richard von Krafft-Ebing."

Eindrücke aus der Ausstellung:

"Wiener Nackedeien", 1906 Ausschnitt aus dem Film "Ekstase", 1933 "Sexpo 71" im Wiener Künstlerhaus Schild "Sex = Arbeit", um 2010 Laufhaus "Kontaktzone", Raaber-Bahn-Gasse, 2016 Anschlagtafel aus dem Esterhazy-Bad, 1927 Kondom aus Schafsdarm, um 1800 Matthias Herrmann, "Untitled", 1999 Plakat "Abwechslung? Aber sicher!", 1998 KZ-Winkel eines Rosa-Winkel-Häftlings Schwule Ladys, 1986

Geheime Ecken

Weniger bekannt ist: Zu Freuds Zeiten war Wien ein Zentrum der Pornoproduktion. Szenen aus einem solchen Film sind in der Ausstellung zu sehen. Frauke Kreutler vom Wien Museum: "Aus heutiger Sicht wirken die Filme harmlos, aber damals waren sie verboten. Sie wurden nur im Geheimen gezeigt, etwa bei Herrenabenden."

Apropos Verbote: Diese sind in der Ausstellung, die in die drei Teile vor/während/nach dem Sex gegliedert ist, allgegenwärtig: Verpönt war etwa Sex mit gleichgeschlechtlichen Partnern, in dubiosen Stellungen oder mit anderen "Rassen" (während des Zweiten Weltkriegs).

Sulzenbacher: "Versuche, Sexualität in geregelte Bahnen zu bringen, gab es immer. Aber, wie das in einer Großstadt eben so ist: Der Einfluss der Kontrollinstanzen ist irgendwann zu Ende, denn es gibt geheime Ecken in der Stadt, wo Dinge immer schon trotzdem passiert sind – ob verboten oder nicht." Eine dieser Ecken war das Esterhazy-Bad: In den Dampfkammern trafen sich seit Ende des 19. Jahrhunderts homosexuelle Männer. "Vom Kennenlernen bis zum anonymen Sex war hier viel möglich", so Sulzenbacher.

Ähnlich der Homosexualität war auch die Prostitution ein "hart umkämpfter Bereich", erklärt Kreutler. "Das zieht sich bis heute durch: Stiche aus dem 18. Jahrhundert zeigen, dass der Straßenstrich früher am Graben war. Heute werden die Frauen immer weiter an den Stadtrand gedrängt, Laufhäuser hingegen geduldet."

Kritik am Klassiker

In den 1970er-Jahren wird der Umgang mit Sexualität in der Stadt liberaler. Die erste Sex-Messe mit Live-Show findet statt, der Film um die Prostituierte Josefine Mutzenbacher, dargestellt von der 26-jährigen Christine Schuberth, gerät zum Kassenerfolg. In der Ausstellung wird der Klassiker kritisch betrachtet. "In der Romanvorlage von 1906 war Josefine sieben Jahre alt und hat gleich in der ersten Szene Sex mit ihrem Vater. Das ist Pädophilie", sagt Kuratorin Kreutler.

Eines der aktuellsten Exponate ist das umstrittene Life-Ball-Plakat mit Transgender-Model Carmen Carrera. "Es zeigt, dass die Realität viel bunter ist, als viele glauben", sagt Sulzenbacher. Komplett ausgelassen wird hingegen der Blick ins private Schlafgemach. "Das typische Schlafzimmer in der Stadt gibt es einfach nicht", so der Kurator. Nachsatz: "Quantitativ ist es natürlich der Sieger. Da findet eindeutig der meiste Sex statt."

Jugendliche unter 18 müssen übrigens draußen bleiben. Sulzenbacher: "Das wurde lange diskutiert, letztlich war es eine rechtliche Entscheidung. So ist das eben: Jugendliche dürfen vor dem Museum gratis Internet-Pornos anschauen, aber ins Museum dürfen sie nicht."

Info:

"Sex in Wien - Lust. Kontrolle. Ungehorsam" im Wien Museum am Karlsplatz vom 15. September bis zum 22. Jänner 2017

www.wienmuseum.at

(KURIER) Erstellt am
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