Pro Jahr schauen wir 700 bis 1400 Stunden auf das Smartphone

© /Todor Tsvetkov/iStockphoto

Evolution
05/31/2016

Wie uns das Mobiltelefon verändert

"Homo phoniensis": So beurteilen Ärzte und Verhaltensbiologen diese Entwicklung.

von Susanne Mauthner-Weber

30 Grad im Schatten. Unzählige Leute lümmeln in einem Park in Seoul herum, wirken apathisch und sprechen nicht. Wer aufsteht, auf die Uhr schaut oder ein elektronisches Gerät benutzt, ist draußen. Draußen aus einem Wettbewerb mit Namen "Relax your brain!", mit dem man alle Handy-Besessenen kurieren will. Denn: Südkoreaner lieben ihr Smartphone. Mehr als vier Fünftel der 50 Millionen Einwohner besitzen eines. 15 Prozent sind handysüchtig. Daher erfanden Künstler 2014 diesen Wettkampf als Reaktion auf das vom Smartphone geprägte moderne Leben.

Südkorea ist mit dieser Entwicklung nicht allein: Der Mensch der Zukunft kommt uns an der Kreuzung entgegen, sitzt neben uns in der U-Bahn oder am Frühstückstisch. Immer aber schaut er gebannt auf ein kleines Gerät, dessen Schein im Dunkeln sein Gesicht beleuchtet. Er ist du und ich: der Homo phoniensis – die Symbiose aus Homo sapiens und Smartphone.

Smartphone-Nacken

Überholt der Mensch – angesichts des rasenden Fortschritts – gerade seine eigene Evolution? Ganz abwegig ist es nicht, denn schon warnen Ärzte:

Die Demutshaltung Richtung Handy gefährde den aufrechten Gang. So ging im Vorjahr eine Studie um die Welt, weil sie aufzeigte, dass die 700 bis 1400 Stunden, die der durchschnittliche Nutzer pro Jahr auf sein Smartphone glotzt, den evolutionären Weg zum Stiernacken ebnet. Fakt ist: Der menschliche Körper ist auf opportunistische Weise anpassungsfähig. Auf Dauer gestaltet sich Homo smartphoniensis um. Weil die Bänder im Halsbereich den immer schwerer nach unten ziehenden Kopf halten müssen, werden die Knochen der Wirbelsäule mitwachsen. Vorbild ist das Bison. Der Widerrist genannte Wirbelfortsatz, der den mächtigen Kopf hält, kann 50 Zentimeter lang werden.

Damit nicht genug, lassen Smartphone & Co die Kurzsichtigkeit explodieren. Viele Menschen verbringen fast den gesamten Tag im Nah-Seh-Modus, checken morgens im Smartphone die ersten Mails, stöbern bei der Fahrt in der U-Bahn im Netz und verbringen im Büro acht Stunden am Computer. Abends erholen sie sich auf Facebook. All das fördert die Kurzsichtigkeit – als Folge eines zu starken Längenwachstums des Augapfels. Das passiert vor allem zwischen dem 8. und 15. Lebensjahr, also genau dann, wenn Kinder kaum vom Handy wegzubekommen sind.

Das Smartphone-Licht signalisiert dem Körper auch aufzuwachen, denn es ähnelt in seiner Zusammensetzung dem Sonnenlicht. Es sendet das Signal "Aufwachen" an den Körper, der prompt weniger Melatonin ausschüttet – das Hormon, das uns schläfrig macht. Kurz gesagt: Das Licht des Bildschirms verstellt die inneren Uhren.

Kein Wunder, dass Marc Andreessen, der 1993 den ersten Webbrowser mitprogrammierte und so die Tür zum Internet öffnete, in der deutschen Zeit meint: "Die Smartphone-Revolution wird drastisch unterschätzt. Heute haben mehr Menschen Zugang zu solchen Telefonen als zu fließendem Wasser. Etwas Vergleichbares hat es noch nicht gegeben." Bald zwei Milliarden Menschen nutzen inzwischen Smartphones, Geräte, die man vor 30 Jahren als Supercomputer bezeichnet hätte. Ein anderer Vergleich illustriert den Stellenwert, den wir dem Ding geben, ganz gut: Es gibt mehr Handys als Toiletten auf der Welt.

Evolutionärer Erfolg?

Ob diese neue Spezies evolutionsgeschichtlich ein Erfolgsmodell wird, ist noch nicht heraußen. Phono sapiens wirkt oft abwesend; stolpert, weil er dauernd auf den Screen schaut; hört schlecht, weil er Musik im Ohr hat. Schlimmstenfalls fährt er mit dem Auto gegen einen Baum, weil er gerade mehr Phono als sapiens ist. Ob all das aber unsere Evolution verändert? Elisabeth Oberzaucher ist skeptisch: "Was man keinesfalls glauben darf – jetzt passiert eine technische Innovation und Jahre später schauen wir alle ganz anders aus", sagt die Anthropologin. "Damit sich evolutionäre Prozesse niederschlagen, braucht es viel Zeit und isolierte Fortpflanzungsgemeinschaften. Nur so kann sich eine Eigenschaft etablieren." Solche "Inselpopulationen" gebe es heute aber aufgrund der Globalisierung nicht mehr. Schlechte Karten also für die Entwicklung von ganz neuen Eigenschaften.

Entwicklungsgeschichtlich tritt der Mensch ohnedies seit Jahrtausenden auf der Stelle. Von ihrer genetischen Anlage her sind die ersten anatomisch modernen Menschen, die vor 40.000 Jahren mit dem Speer unterm Arm in Europa ankamen, und die heutigen Meilensammler, die sich um WLAN-Hotspots auf dem Flughafen zusammenballen, absolut identisch.

Andere Taktzeiten

Biologische Evolution im Sinne Darwins tritt aber ohnedies zugunsten von menschgemachten Veränderungen zurück. Hier gelten andere Taktzeiten – und sie werden immer kürzer: Von den 200.000 Jahren seiner Existenz war Homo sapiens 190.000 Jahre Jäger und Sammler, seit 10.000 Jahren ist er Bauer und Viehzüchter, seit 200 Jahren benutzt er flächendeckend Maschinen und erst seit 20 Jahren Computer.

Das macht etwas mit uns, vor allem mit unserem Oberstübchen. "Unser Gehirn ist ein Lern-Großmeister und kann auf unterschiedlichste Anforderungen reagieren. Deshalb haben sich die Menschen so erfolgreich durchgesetzt", sagt Oberzaucher. Eines steht schon fest: Zur Zeit unserer Urgroßväter dauerte es noch ein volles Jahrhundert, bis sich das Wissen der Menschheit verdoppelte; heute verdoppelt es sich alle fünf Jahre. Aber sagt das was über das Gehirnpotenzial des Einzelnen? Angeblich googelt Homo phoniensis ja eher als er nachdenkt.

Ausgedient?

Alle, die jetzt ob der Entwicklungen in Kulturpessimismus verfallen, seien aber beruhigt. Das Ende der Smartphone-Ära ist ohnedies bereits in Sicht. Das sagt ausgerechnet Sony-Chef Kazuo Hirai. Die Branche liefere keine echten Innovationen mehr und in fünf Jahren werde das Smartphone als Kommunikationsgerät ausgedient haben. Stattdessen würden die Leute massenhaft zu sogenannten Datenbrillen greifen – und die werden dann vielleicht andere Körperregionen verändern.

Wie I-Menschen seelisch verkümmern

„Wir sind längst abhängig von der Technologie. Wenn wir nicht online sind, spüren wir uns nicht. Wir vernetzen uns also immer mehr – und werden immer einsamer.“ Das sagte die berühmte US-Soziologin Sherry Turkle in einem KURIER-Interview.

Turkle erforscht seit mehr als 30 Jahren am Massachusetts Institute of Technology (MIT), dass Computer Menschen verändern. In ihrem Buch „Verloren unter 100 Freunden“ beschreibt sie, wie die Internet-Kommunikation Geist, Gefühlsleben und Beziehungen in den vergangenen 15 Jahren gewandelt hat. „Die Telefone in unseren Taschen verändern unsere Hirne und Herzen, weil sie uns vorgaukeln, dass wir nie allein sind. Das verändert unsere Psyche nachhaltig, denn wenn Leute dann doch alleine sind – und sei es nur für zwei Sekunden – bekommen sie Angst. Wenn wir unseren Kindern das Alleinsein nicht beibringen, werden sie nur lernen, einsam zu sein.“

"Nähern uns Wendepunkt"

Doch Turkle hat auch Hoffnung, denn gerade junge Leute entwickeln derzeit ein Gespür dafür, dass etwas verkehrt ist. „Wir nähern uns einem Wendepunkt. Der Druck, immer auf Sendung sein zu müssen, wird vor allem jenen, die als Digital Natives aufgewachsen sind, zunehmend bewusst. Die nörgelnden Alten sind nur ein Mythos.“

Und sie hat Tipps, wie es gehen könnte: „Der Punkt ist einfach, dass wir Technik benützen, um ins wirkliche Leben zurückzukommen. Ich glaube nicht, dass Abstinenz die Lösung ist. Besser wären eine digitale Diät, digitale Ruhepausen oder ein Gespür für den gesunden Umgang mit der digitalen Welt.“ Sie rät „heilige Orte für die Konversation“ definieren – die Küche, etwa. „Am wichtigsten: Wir sollten einander wieder zuhören, auch wenn es langweilig wird und plötzlich alle schweigen. Das sind die Momente, in denen wir uns gegenseitig offenbaren.“

Wenn das Smartphone wichtiger ist als das eigene Kind

Vor drei Jahren publizierten US-Forscher eine alarmierenden Beobachtungen: Mütter mit Kindern unter fünf Jahren widmen ihrem Smartphone mehr Zeit als durchschnittliche Digital Natives. Letztere surfen und chatten 31 Stunden im Monat, Mütter tun es 37 Stunden lang.

Die mangelnde Aufmerksamkeit hat Auswirkungen: Kleine Kinder können nicht einschätzen, mit wem die Mutter spricht und warum sie dabei lacht, aufgeregt oder traurig ist. Sie denken: „Das hat etwas mit mir zu tun.“ Und: „Das Handy ist wichtiger als ich.“ Schweizer Psychologen haben herausgefunden, dass Kinder sich durch den Konkurrenten Smartphone missachtet fühlen, Frust und Wut entstehen. Unaufmerksame Eltern riskieren also schwerwiegende Probleme, was die sprachliche, kognitive und soziale Entwicklung ihres Nachwuchs betrifft.

„Kinder sind Nachahmungsmaschinen“, sagt der Psychologe Thomas Elbert. „Schaut der Vater ständig auf das Smartphone, sodass es kein Familienleben mehr gibt, kann man dem Kind schwer beibringen: ,Aber du darfst das nicht!‘“ Sein Fazit: „Wir machen gerade ein großes, gesellschaftliches Experiment, weil uns die Technik überholt hat.“

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