© KURIER/Gerhard Deutsch

Hitze
07/09/2015

Wie Metropolen in Zukunft gekühlt werden können

Forscher arbeiten an Konzepten, wie man der Hitze in der Stadt beikommt.

von Susanne Mauthner-Weber

Erfunden haben es die Pariser. Sie temperierten bereits in den 1990er-Jahren die ersten Adressen – von Nationalversammlung bis Louvre – mit Fernkälte. Ein 70 Kilometer weit verzweigtes Rohrnetz in der Kanalisation der Millionen-Metropole macht es möglich. Das nötige Wasser liefert die Seine. Bald sollten andere Großstädte in Europa folgen – Stockholm, Barcelona, Amsterdam und 2006 auch Wien.

Das Grundprinzip funktioniert wie bei den bekannten Fernwärme-Netzen, nur umgekehrt: "Die Müllverbrennungsanlagen liefern Wärme – auch im Sommer. Die braucht man zwar für Heißwasser. Doch das, was übrig bleibt, kann man in Kälte verwandeln", erklärt Boris Kaspar von Wien Energie. Die wird aber nicht in das vorhandene Fernwärme-Netz eingespeist. "Das würde nicht funktionieren. Denken Sie nur an eine eiskalte Flasche, die aus dem Kühlschrank genommen wird – sofort entsteht Kondenswasser. Unterm Heizkörper würden sich Pfützen bilden."

Man braucht ein eigenes abgedichtetes Rohrleitungsnetz – hat man auch (siehe Grafik). Allerdings nur für Großkunden, die ein spezielles Kühlsystem, Betonteilaktivierung genannt, eingebaut haben. Der Aufwand, ein solches System einzurichten, sei gigantisch und rechne sich für Privatkunden nicht.

Urbane Hitzeinseln

Das Kühlen von Städten ist eines der heißesten Themen, denn Wissenschafter prophezeien, dass die Temperaturen in den Metropolen um bis zu zwölf Grad höher sein werden als im Umland. Der Grund ist bekannt: Hier bilden sich urbane Hitzeinseln, kurz UHI genannt. Umweltverschmutzung; Autos und Häuser, die Wärme abgeben; Gebäude, die den Luftdurchzug verstellen; Asphalt, der verhindert, dass Regenwasser einsickern und wieder verdunsten kann – es gibt viele Übeltäter. Gleichzeitig speichern Straßen und Häuser die Hitze, die sie nach Sonnenuntergang wieder ausstrahlen. Tropennächte mitten in Österreich – die Folge falscher Stadtplanung.

Dabei weiß die Wissenschaft längst, dass jedes größere Gebäude sein eigenes Mikroklima erzeugt, abhängig von Abwärme, Windverhältnissen und dem Schatten, den es spendet.

Auch im heißer werdenden Wien suchen Forscher das Mikroklima. Genauer gesagt radeln sie. Messfahrten mit dem Fahrrad im Rahmen eines Projektes der Stadt Wien mit der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) zeigen, dass es in bestimmten Grätzeln besonders heiß wird. Die Daten fließen in ein hochaufgelöstes Stadtklima-Modell ein. Ziel: städtebauliche Maßnahmen erarbeiten, die Hitzebelastungen dämpfen.

"Jede Stadt hat ihr ganz spezielles Klima, das nicht nur mit dem Stadtgebiet sondern auch mit dem Klima des Umlandes zusammenhängt", sagt Maja Zuvela-Aloise von der ZAMG. Wie wirkungsvoll Maßnahmen seien, lasse sich nur über Simulationen abschätzen, weil es komplexe Wechselwirkungen gebe. Sicher aber weiß sie: "Dunkles Glas ist das Schlimmste". Unsere typischen grauen Hochhäuser sind regelrechte Wärmefänger. Je heller die Oberflächen in einer Stadt, desto geringer die Aufheizung, weil dunkle Dächer nur 20 Prozent des Sonnenlichts reflektieren, weiße aber bis zu vier Fünftel der Strahlung ins All zurückwerfen.

Green & Cool Roofs

In den USA boomt der Markt für Cool Roofs bereits: Etwa 1600 Produkte werden dafür angeboten – z. B. helle Folien oder spezielle Dachsteine, die zwar aussehen wie normale, aber besonders gut Hitzestrahlen reflektieren. Green Roofs (Dachbegrünungen) wiederum sorgen dafür, dass 70 bis 100 Prozent der Niederschläge von der Vegetationsschicht aufgefangen und durch Verdunstung wieder an die Stadtluft abgegeben werden. Das kühlt. Ähnlich wirkt die Begrünung von Hausfassaden. Efeu an den Mauern etwa nimmt mehr als die Hälfte der Sonneneinstrahlung auf. Durch beide Maßnahmen könne man auf ein Minus von 3,6 bis 11,3 Grad Celsius kommen, haben Forscher errechnet.

Wenn benachbarte Dach- und Fassadenflächen gemeinsam eine größere Grünfläche ergeben, kann sich das auf das Mikroklima ganzer Stadtviertel positiv auswirken. Vor allem, wenn diese grünen Inseln in unterschiedlichen Höhen liegen und durch Straßenbäume und kleinere Parks miteinander verbunden werden. Der kühlende Effekt von Parks und Grünflächen sei nämlich bestenfalls 300 Meter, im Normalfall aber nur 100 Meter weit zu spüren. Von wenigen großen Parks profitieren also nur wenige Anrainer. Gibt es aber viele kleine Grüninseln, kühlen die UHI großflächig ab – allerdings nur, wenn keine Gebäude den kühlenden Luftzug blockieren.

Wie immer steckt der Teufel also im Detail.

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