Leben
01.06.2018

Wie es ist, nach einem Flugangst-Seminar zu fliegen

Drei Flüge in neun Tagen. Für Menschen wie mich, die Flugangst haben, eine Herausforderung.

Es soll ja Menschen geben, für die der Urlaub schon im Flugzeug beginnt. Sie stehen schon vorfreudig am Gate – im Idealfall mit dem obligatorischen Strohhut auf dem Kopf – und können es kaum erwarten, die ersten zu sein, die im „Schlauch“ warten, bis sie endlich in der Blechschüssel sitzen. Meist dauert es dann nicht lange, bis sie entweder einschlafen oder in einem Film oder Buch versinken.

Nun ja, zu dieser Sorte Mensch zähle ich nicht.

Bei mir läuft es in etwa so ab: Eine Woche vor „Departure“ träume ich von Flugzeugabstürzen. Drei Tage vorher überlege ich, alles zu stornieren. Einen Tag vorher schlafe ich gar nicht. Und am Gate angekommen wechseln sich Galgenhumor und Panikattacken ab. Konkret heißt das: Mir ist heiß und kalt. Zeitgleich. Die Hände sind nass, der Mund trocken, ich zittere am ganzen Körper. Ein innerliches Verabschieden von dem Leben, das ich so liebe. Was sich jetzt sehr dramatisch anhört, ist leider wirklich so.

Flugangst nennt sich das Ganze – und glauben Sie mir, es ist nicht lustig. Ich habe lange überlegt, ob ich diese Art von Artikel überhaupt angehen soll, weil einerseits irgendwie peinlich und sehr privat, andererseits bin ich mir im Nachhinein auch nicht sicher, ob dies nun Betroffenen da draußen tatsächlich weiterhilft. Ich hoffe, das tut es. Und wenn nicht, dann gibt dies hier vielleicht den „nicht Betroffenen“ einen kleinen Einblick in diese Angst. So oder so: Das Thema hat Relevanz, denn Studien sagen, dass rund 40 Prozent aller Passagiere zumindest ein gewisses Unbehagen verspüren oder sogar echte Flugangst haben, Aviophobie in der Fachsprache genannt.

Als wäre ich verrückt. So sehen manche Menschen mich an, wenn ich ihnen sage, ich habe Flugangst. Dann kommt meist ein süffisantes, ungläubiges Lächeln, dem die Frage folgt: „Aber geh, warum hast du Flugangst?“ Betont wird diese Frage genau in derselben Aussprache, wie das klassische „Na, wo is’ er denn, der kleine Hugo?“ - gerichtet an ein Baby im Kinderwagen.

Darauf folgt üblicherweise der – äußerst obsolete, weil natürlich weiß ich das - Hinweis darauf, dass das Flugzeug das sicherste Verkehrsmittel ist - sowie die ewige Litanei, dass der Straßenverkehr viel, viel gefährlicher ist. ICH WEISS DAS.

Es war nicht immer so

Alles Wissen, das ich mir angeeignet habe, alle Statistiken, ja, die komplette rationale Ebene setzt aus, wenn ich mich auf 15 B setze. Im Gegensatz zu mir macht meine rationale Ebene nämlich schon Urlaub. Und während sie Urlaub macht, verwandelt sich Yvonne in ein steifes, angespanntes Brett, das Herzrasen und aufgerissene Augen hat. Der Titel meiner Flüge könnte heißen: „Alle schlafen, Yvi kurz vor dem Herzkasperl.“

Oder aber: Ich will einfach nicht sterben. Nicht so. Nicht in dem Ding. BITTE.

Es war nicht immer so. Bis vor zehn Jahren war das Fliegen für mich kein Problem. Dann plötzlich, ein Flug von Brüssel nach Wien, furchtbare Turbulenzen und das erste Mal diese Angst. Seitdem ist sie da. Geflogen bin ich aber dennoch immer wieder, weil ich schon weiß, dass man Ängste nur bekämpfen kann, wenn man sich ihnen stellt. Besser geworden ist es dadurch aber nicht wirklich. War es beruflich kein Muss, so habe ich die letzten Jahre das Fliegen urlaubstechnisch jedenfalls trotzdem weitgehend vermieden und bin stattdessen mit dem Auto – wie die Wiener sagen würden - „auf Kroatien“ gefahren.

Auf Dauer auch keine Lösung. Anfang des Jahres habe ich daher beschlossen, ein Erste-Hilfe-Flugangst-Seminar zu besuchen. Drei Stunden „Hardcore-Einzel-Therapie“ mit einer Pilotin, die zudem ausgebildete Psychotherapeutin ist. Angelika Ivinger heißt sie.

Yvi bei Ivinger

Angelika Ivinger ist großartig. Sie liebt das Fliegen und spricht darüber wie ich es nur über Malakofftorte kann. Alleine ihre Begeisterung, die man sieht und spürt, wenn man ihr gegenübersitzt, dämpft die Angst in einem. Sie erklärt minutiös, welches Geräusch – vom Start bis zur Landung – zu hören ist und was es bedeutet. Ich habe ungefähr 150 Fragen gestellt und sie mit jeglichen Flugzeugabstürzen konfrontiert, die mir aus den Nachrichten in Erinnerung geblieben sind. Ganz ruhig und gelassen veranschaulicht Ivinger, wie es zu den Katastrophen kam und warum das in dieser Weise – bei den ‚als sicher gelisteten’ Fluglinien jedenfalls– nicht mehr passieren könnte. Sie erklärt mir, warum ein Flugzeug überhaupt fliegt.

Nicht, dass ich die Physik dahinter nicht verstehen würde, aber dennoch: Ihre klare und verständliche Ausdrucksweise und die Tatsache, dass sie selbst Pilotin ist, helfen bei der Angstbekämpfung.

Ivinger erklärt außerdem, was im Körper passiert, wenn man Angst hat und er in Alarmbereitschaft gerät: Der Herzschlag wird beschleunigt, der Puls wird stärker, die Muskeln werden vermehrt durchblutet, die Blutgerinnung steigt an. Gleichzeitig werden alle für den Moment der Gefahr - in meinem Fall beim Start und fast jeder auch noch so kleinen Turbulenz - nicht benötigten Vorgänge gedrosselt. Heißt konkret: Eingeweide und Haut werden schlechter versorgt, Aufbau von Proteinen wird verhindert, Sexualfunktionen werden gehemmt (nicht, dass das beim Flug wichtig wäre). Ach ja, und die Verdauung wird sich selbst überlassen (dahingehend gab es allerdings bei mir glücklicherweise noch keine entsprechenden Vorkommnisse). Man wird blass, Schweißperlen verbreiten sich am Körper. Der Mund ist staubtrocken.

„Unangenehm, aber ungefährlich“

Als Ivinger über Turbulenzen spricht, höre ich besonders genau zu. Denn, wenn es ruckelt in der Kiste, zuckt Yvi leider aus. Vielleicht ist dieser Teil auch für Sie besonders interessant, wenn Sie zu den Betroffenen zählen: „Als Luftlöcher werden vor allem Auf- oder Abwinde bezeichnet. Bei starken Turbulenzen, also vertikalen Luftströmungen, kann es passieren, dass ein Flugzeug einige Meter nach unten sinkt. „Dabei ist der sichere Flug nicht gefährdet“, sagt Ivinger. „Turbulenzen gehören zur Luftfahrt wie Wellen zur Seefahrt“, sagt sie weiter und schwingt das kleine Modellflugzeug, das sie in der Hand hält, hin und her. Die Konstruktion von Flugzeugen erlaube solche Belastungen ohne Probleme. Sie gibt mir einen Merksatz mit: Turbulenzen sind unangenehm, aber ungefährlich!“

"Egal, wie schlimm die Turbulenzen sind, in denen Sie sich gerade befinden: Sie sind nicht so schlimm, wie Sie meinen“, fährt sie fort und versucht mit folgender Geschichte noch weiter zu beruhigen: „Wenn Sie also im Flugzeug sitzen und es beginnt sehr stark zu wackeln, erinnern Sie sich daran, was ein Pilot einer großen europäischen Airline einmal gesagt hat: Die größte Sorge für uns ist meistens, ob wir nun in Ruhe essen und trinken können.“ Hmmm.

Selbstverständlich spreche ich Ivinger auch auf das zweite böse T-Wort an. TRIEBWERKSAUSFALL. Die Expertin meint, moderne Verkehrsflugzeuge müssten so konstruiert sein, dass sie auch noch mit der Hälfte der vorhandenen Triebwerke sicher fliegen und landen können. Und selbst, wenn alle Triebwerke ausfallen sollten (was sehr, sehr unwahrscheinlich sei), fiele das Flugzeug noch immer nicht wie ein Stein zu Boden. „Durch die aerodynamische Bauweise besitzt ein Flugzeug Segeleigenschaften und kann noch viele Kilometer weit im Segelflug zurücklegen.“ Hmmm.

Sie spricht über Druckabfälle und Flugzeugen, die vom Blitz getroffen wurden. Plötzlich werde es stockdunkel, aber irgendwann gehe der Strom wieder an, sagt sie grinsend.

So sicher ist Fliegen im Vergleich

Und natürlich sprechen wir auch über Statistik. Ivinger gibt zu, dass es freilich eine Lüge wäre zu sagen, es gäbe keine Flugunfälle. Dennoch zähle Fliegen statistisch zur sichersten Fortbewegungsart, die wir kennen:

 

  • In diesem Moment, in dem Sie dies lesen, befinden sich rund 680.000 Menschen in einem Verkehrsflugzeug.
  • 2017 wurden weltweit annähernd 40 Millionen Flüge mit rund vier Milliarden Passagieren durchgeführt. 
  • In Österreich starben 2016 mehr Personen im Straßenverkehr als weltweit in der zivilen Linienluftfahrt.
  • 2016 gab es 10 „fatale“ Unfälle (4 im Passagierverkehr, 6 im Frachtverkehr) mit 268 Opfern.
  • Im ersten Halbjahr 2017 gab es keine Toten in der Passagierluftfahrt.
  • Allein in Deutschland wurden im selben Jahr 80.000 Menschen bei Freizeitunfällen schwer verletzt.
  • 4700 Deutsche starben an den Folgen von Alkoholkonsum.
  • In Japan begingen 34.000 Personen Selbstmord, und in den USA ermordeten 7000 Menschen ihren Ehepartner.
  • Statistisch gesehen müsste jemand über einen Zeitraum von ca. 5000 Jahren täglich fliegen, um ein einziges Mal in einen Unfall verwickelt zu werden.

Im letzten Teil des Seminars gibt die Pilotin mir Entspannungstechniken mit. Allen voran Atmungsübungen. Als ich Angelika Ivinger verlasse, bin ich siegessicher und gehe ihre Sätze und Ratschläge immer und immer wieder im Kopf durch.

Das Seminar war um und meine Hoffnung groß, bald auch eine von denen zu sein, deren größte Sorge im Flugzeug dem Vordermann gilt, der seinen Sitz zu weit und heftig nach hinten klappt.

Ab in das Flugzeug

Drei Flüge in neun Tagen. Wien – Funchal- Lissabon-Wien. Na gut. Ich entschuldige mich vorab für den einen oder anderen Kraftausdruck im Video, sie waren der Emotion geschuldet und seien mir bitte verziehen.

An dieser Stelle möchte ich allen danken, die mir vor meinem Flug gesagt haben, dass die Landung in Funchal sicher nicht schlimm wird. Ich habe nämlich vorab schon erfahren, dass dort nur bestimmte Piloten mit besonderer Ausbildung landen dürfen wegen der schwierigen Windverhältnisse und mein Umfeld damit traktiert. Wie Sie dem Video entnehmen konnten, war es die schlimmste Landung, die ich jemals erlebt habe. Aber das musste wohl so sein. Das Schicksal hat es aber gut mit mir gemeint und mir eine Stewardess, die privat unterwegs war, auf den Nebenplatz gesetzt. Das hat natürlich geholfen. Auch, wenn sie brutal ehrlich war.

„Solange du lächelst und ruhig bist, brauche ich mir also keine Sorgen zu machen?

„Ich habe gelernt, immer zu lächeln, auch wenn etwas passiert.“

Hmmmm.“

Aber auch das war bei der Landung irrelevant, weil selbst sie da nicht mehr gelacht hat.

Und damit das ganze hier der „unrealistischste Flugnacherzählungsbericht ever“ wird, saß (kein Witz) beim zweiten Flug eine Hypnotiseurin direkt vor mir. Ruth Röthlisberger. Mittlerweile meine Facebook-Freundin und einer der liebsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Ruth ist beim Start natürlich nicht entgangen, dass ich Flugangst habe. Wie denn auch, ich war sehr ungehemmt und kann akut wenig Geheimnis draus machen (leider).

Jedenfalls dürfte ich ihr leidgetan haben und so hat sich die liebe Ruth zu mir nach hinten gesetzt und mich „live on flight“ hypnotisiert. Eine Herkules Aufgabe. Funktioniert hat es nicht wirklich, aber das war der Situation geschuldet. Solche Hypnosen macht man normalerweise im Vorfeld in Ruhe und nicht während eines recht turbulenten Fluges (ja, das war es leider). Nichtsdestotrotz bin ich Ruth unendlich dankbar, denn sie hat mir die Flugzeit massiv erleichtert und ich konnte so immerhin einen guten Einblick in ihre Vorgangsweise bekommen. Das ist Ruth:

Der letzte Flug Richtung Wien stand an und ich hatte mir ganz fest vorgenommen, so entspannt wie möglich zu sein.

Was soll ich sagen? Die Angst ist nicht weg, aber sie ist etwas weniger geworden. Öfter fliegen hilft. Auch wenn das im letzten Video vielleicht nicht so aussieht, aber meine Angstzustände waren davor weit schlimmer. Sollten Sie von Flugangst betroffen sein, kann ich Ihnen eines dieser Seminare wirklich empfehlen. Mit einem Besuch ist es aber nicht getan, man muss sich das dort Gehörte immer wieder vor Augen führen. Und weil ich das oft gefragt wurde: Die Option, mich mit Schlafmitteln „komplett auszuknocken“, habe ich natürlich schon mal ins Auge gefasst, aber bis dato noch nicht probiert. Möchte ich eigentlich nicht. Ich hoffe, es wird auch ohne Pillen immer angenehmer werden zu fliegen.

Ich schließe diese Geschichte mit jenem Satz, den mir Angelika Ivinger, als ich sie verlassen habe, noch im Stiegenhaus zugerufen hat: „Es gibt ein Leben nach dem Flug!“