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Leben
08/30/2019

Wie ein Sohn seinen totgeglaubten Vater via Twitter wiederfand

Norman Wolf fand über das soziale Netzwerk seinen obdachlosen Vater wieder. Jetzt hat er darüber ein Buch geschrieben.

Boston am Weihnachtstag des Jahres 2017: Norman Wolf greift aufgewühlt und nervös zu seinem Handy. Nach einem kurzen Zögern öffnet er seinen Twitter-Account und beginnt zu tippen: "Das hier fällt mir schwer, aber vielleicht kann Twitter helfen. Ich suche meinen Papa. Er ist obdachlos und soll in Hamburg leben. Ein Retweet würde mir alles bedeuten. Danke!"

Über eineinhalb Jahre sind seitdem vergangen.  Als Mann, der über Twitter seinen verlorenen Vater suchte, sorgte der junge Deutsche, der damals als Au-pair in den USA lebte, weltweit für Schlagzeilen. Nach seiner Rückkehr verfasste er ein Buch über diese Erfahrung. Das Schreiben sei wie eine Therapie gewesen, sagt der Autor im KURIER-Interview.

Der verlorene Vater

Der Vater verließ die Familie vor über 15 Jahren. Wolf war damals elf Jahre alt; der Vater war sein großes Vorbild: Stark, zäh, willensstark. "Wahrscheinlich war er damals schon länger alkoholabhängig“, meint der gebürtige Frankfurter, wenn er an seine Kindheit zurückdenkt. So richtig bewusst sei ihm das aber erst geworden, als der Vater seinen Job verlor. „Weil er betrunken Auto gefahren war und seinen Führerschein verloren hatte." Die örtliche Bar wurde zur zweiten Heimat des Vaters, der Familie ging es finanziell zunehmend schlechter und die Eltern stritten viel. Eines Abends packte der Vater seine Taschen und ging, ohne sich zu verabschieden. Schon bald reagierte er nicht mehr auf Anrufe und zahlte keinen Unterhalt mehr. "Er ist tot", erzählte die Mutter den Kindern.

Im November 2016 dann die Überraschung: "Ich erhielt eine WhatsApp-Nachricht von einer unbekannten Nummer. Der Schreiber meinte, er sei in Hamburg von einem Obdachlosen angesprochen und um Hilfe gebeten worden", erinnert sich Wolf. Der Fremde wollte seine Söhne finden. "Der Unbekannte schickte mir auch ein Foto des Obdachlosen." Obwohl die Person verwahrlost aussah, habe er seinen Vater erkannt. Doch die Spur verlief im Sand. Schließlich fasste Wolf den Entschluss, es über Twitter zu versuchen und veröffentlichte besagten Aufruf.

Ein Sturm zieht auf

Einen Tag später erhielt er den entscheidenden Hinweis aus Hamburg. Bald darauf meldete sich der Vater telefonisch mit den Worten: "Hallo hier ist der Papa." Seine Stimme klang wie früher, erzählt Wolf. Einen Monat später reiste er nach Hamburg und fand seinen Vater, "in eine dicke Jacke gehüllt, zusammengekrümmt vor der Heizung in einer Sparkassenfiliale". Zuerst erkannte ihn der Vater nicht. Erst als der Namen "Norman" fiel, wurde er hellhörig. "Irgendwie machte es Sinn, dass er mich im ersten Moment nicht erkannte. Schließlich hatte er mich das letzte Mal als Kind gesehen."

Nach dem Treffen kehrte Wolf in die USA zurück. Das Wiedersehen dokumentierte er detailliert auf Twitter. Dass der Vater weiterhin auf der Straße lebt, störte seine Follower. Sie hatten auf ein Happy End gehofft. Neben positiven Reaktionen wurde Wolf unter anderem auch unterstellt, er würde nur nach Aufmerksamkeit heischen. Als er sein Buch ankündigte, habe er Angst gehabt, erneut dem Hass im Netz ausgesetzt zu sein, erzählt der heute 26-Jährige. Doch dieser blieb aus.

"Er ist krank"

Erst vor ein paar Wochen besuchte er seinen Vater in Hamburg. "Mir fiel sofort auf, dass sein Arm kaputt war. Er erzählte mir, er sei gestürzt, wolle aber nicht ins Krankenhaus." Oft wisse er nicht, wie er ihm helfen kann, sagt Wolf – doch er tue sein Bestes. Sein persönliches Happy End wäre es, wenn sein Buch Menschen dazu bringt, über Obdachlosigkeit zu sprechen. Seinem Vater gibt er heute keine Schuld mehr: "Er ist krank. Das muss ich akzeptieren."