Leben
22.09.2017

Wenn junge Mütter an sich zweifeln

Eine junge Mutter spricht über schlaflose Nächte, falsche Ideale und wie wichtig es ist, Hilfe zu suchen.

Die ersten Monate mit einem Kind sind für viele Eltern oft ein Grenzgang. Daran erinnert sich die Wienerin Viktoria Traxler (32) im KURIER-Gespräch. Ihre Tochter Elisabeth Marie ist jetzt zwei Jahre alt.

KURIER: Sie fühlten sich vom Muttersein anfangs überfordert – wie äußerte sich das?

Viktoria Traxler: Nichts und niemand bereitet einen auf die enorme Verantwortung vor. Zum Glück hatte ich einen Partner, der viel geholfen hat. Ich war am Anfang überfordert mit so ziemlich allem. Was den Haushalt betrifft, das Bekleiden meiner Tochter oder das Baden. Auch das Stillen war sehr anstrengend, da sie alle drei Stunden trinken wollte, das dauerte dann bis zu zwei Stunden. Ich hatte von einem Tag auf den anderen keine Zeit mehr für mich.

Welche Rolle spielte Schreien?

Eine große. Ich kann mich an Situationen erinnern, als meine Tochter jeden Abend fast drei Stunden durchgeschrien hat, egal, wie man sie gehalten, was man gesungen oder wie man versucht hat, sie zu beruhigen. Oft war ich so verzweifelt, dass ich mitgeweint habe, weil ich nicht weiter wusste.

Was hat noch zu dieser Überlastung geführt?

Ich habe per Kaiserschnitt entbunden und konnte kaum schlafen, weil meine Tochter all meine Aufmerksamkeit brauchte. Man macht das natürlich gerne, aber geht sehr bald nach so wenig Schlaf – und der ist sehr essenziell – an seine Grenzen. Man liebt sein Kind über alles, wünscht ihm das Beste und versucht selbst, das Beste zu geben. Auch die enorme Lebensumstellung vom "wertvollen Mitglied der Gesellschaft", das arbeitet und ein geselliges Leben führt, auf Hausfrau und Mutter, ist schwierig. Man bleibt, zumindest anfangs, völlig auf der Strecke.

Wann haben Sie gespürt, dass Sie Hilfe brauchen?

Ich war schon öfter in der Kinderambulanz in der Rudolfstiftung, weil ich anfangs unsicher war, ob nicht doch etwas nicht stimmt. Zuletzt war ich dort, als meine Tochter im Hochsommer mit drei Monaten fünf Mal hintereinander massiven Durchfall hatte. Ich war panisch, dachte, sie trocknet aus und bin mit ihr in die Kinderambulanz gegangen. Dort hat man mir gesagt, dass es bei Stillkindern normal ist und mir die Säuglingsberatung nahe gelegt. Ich war begeistert. Wir haben dort offen über alles gesprochen und ich habe viel gelernt.

Was raten Sie werdenden Müttern aus heutiger Sicht?

Nichts in sich hineinzufressen! Man muss über seine Gefühle reden. Ich habe die ersten drei Wochen fast nur geweint und ich glaube, es geht vielen so, aber keine möchte das Bild von der frisch gebackenen Mutter sehen, die depressiv herum liegt. Uns wird in jeder Werbung das Bild des perfekten Babys und von Müttern in weißen Gewändern vermittelt – absurd. Jeder sollte sich Hilfe suchen, wenn er sie braucht, das sollte kein Tabu sein.

Wie geht es Ihnen jetzt?

Elisabeth Marie schläft seit einigen Wochen durch, besucht den Kindergarten und unser Zusammenleben funktioniert einwandfrei.

Maria L (Name von der Redaktion geändert) war 40, als sie erstmals Mutter wurde. Ihr Sohn ist 18 Wochen alt. Wie sehr sich Erwartungen nicht erfüllen, zeigte sich bei ihr schon bei der Geburt: „Ich hatte eine spontane Geburt geplant, leider ist daraus ein Notkaiserschnitt geworden. Damit hatte ich nicht gerechnet, da die Schwangerschaft komplikationslos verlaufen ist.“ Das war nicht einfach: „Ich hatte das Gefühl, einen ganz besonderen Moment versäumt zu haben.“ Danach folgte eine intensive Zeit: „Ich dachte immer, dass Babys viel schlafen, aber bei unserem Sohn war das anders. In der Nacht hat er anfangs alle zwei Stunden getrunken, am Tag hat er die ersten Wochen wenig bis gar nicht geschlafen. Wenn, dann nur, indem ich ihn gehalten habe.“

Unterstützung

Die ersten drei Wochen nach der Geburt war Frau Ls Partner daheim, danach war sie auf sich gestellt: „Man hat nicht einmal Zeit zum Kochen, Essen, Trinken, Duschen.“ Mit den Bauchkoliken kamen durchwachte Nächte. „Unser Sohn hat viel Körperkontakt und Zuwendung gebraucht, manchmal hat sein Weinen nicht aufgehört. Da zweifelt man auch an sich selbst. An einem solchen Tag sind wir in die Kinderambulanz der Rudolfstiftung. Wir konnten unseren Sohn nicht beruhigen, er hat permanent geweint und wir vermuteten, dass ihm etwas fehlt“, erzählt sie. Diagnose: Bauchkoliken – man empfahl eine Säuglingsberatung. L war aber skeptisch: „Ich wollte auf keinen Fall als überforderte Mutter abgestempelt werden.“ Schließlich war sie positiv überrascht, dass sie offen über alles sprechen konnte und empfand, dass man ihre Sorgen und Ängste versteht. Frau L ermutigt ebenso dazu, Probleme anzusprechen und sich Hilfe zu holen – sei es in der Familie, bei Freunden oder bei Beratungsstellen. „Man sollte nicht darüber nachdenken, was andere davon halten, sondern auf sich selbst schauen.“