Leben
08.10.2017

Tartarotti vs. Kuhn: Muss man den Herbst mögen?

Herbst. Ja? Nein? Vielleicht? "Nein", sagt KURIER-Autor und Sommer-Fan Guido Tartarotti. Kollegin Gabriele Kuhn wiederum mag diese Zeit. Zwei Sichtweisen.

Der Herbst ist Entschlummern, um neu und anders zu beginnen

Von Gabriele Kuhn

Interessant ist, dass ich den Herbst einst vor allem gebraucht habe, um der Welt zu zeigen, wie anders ich bin. Intellektueller, rebellischer, depressiver, schräger, wütender. Hauptsache nicht wie eh alle.

Wer auf mein Klo ging, stolperte daher über meine auffällig drapierten Statement-Bücher. Also auch über dieses Oeuvre mit dem Titel "Das Herbstbuch – Gedichte und Prosa" – wie zufällig fallen gelassen. Aber so, dass jeder zwingend dessen Buchrücken lesen konnte, mit diesem Gedicht von Bertolt Brecht: Ich sah ein großes Herbstblatt, das der Wind die Straße lang trieb, und ich dachte: schwierig den künftigen Weg des Blattes auszurechnen!

Meine Art zu sagen: Schaut her, ich bin kompliziert!

Damals galt auch: Je schwerer die Songs, die Texte, die Farben, der Alkohol, desto lässiger. Heiterkeit? Nichts für eine 18-Jährige, die mit schwarzem Kajal unter den Augen, so dick wie Edding-Striche, Camus las – aber kaum verstand. Oder sich mit Prevert-Chansontexten ("Pour toi mon amour"), mittelmäßigen Französischkenntnissen und Patchouli-Duft in die Gabrielendämmerung waberte. Melancholie galt damals in gewissen Kreisen so chic wie heute fotogeshoppte Bilder auf Instagram. Und während die Erwachsenen die Campingbetten und Kühltaschen im Keller verstauten, zog ich Socken an und schrieb lange, linkische Gedichte über Blätter, Nebelschwaden und Grabkerzen. Ach, Herbst, du mein Stairway to Heaven.

Und heute? Besagtes Herbst-Buch gibt’s immer noch, doch der Rest hat sich nicht durchgesetzt. Gut so. Socken mag ich nach wie vor. Vor allem aber mag ich den Herbst. Eine Liebe, die nie mehr vergeht. Der Herbst kann etwas, er betört und verstört, er liefert die großen Brüche. Wäre der Herbst ein Mensch, dann vermutlich einer, der nachts hochfährt, und triste, große Gedanken auf kleine Post-its kritzelt, rasch an Cognac nippt, um morgens manisch joggen zu gehen, weil die Luft gerade so "unfassbar" klar ist und es die Sonne krachen lässt.

Ein Borderliner, gewissermaßen.

Ende und Anfang

Herbst ist zugleich alles und nichts: Farbenrausch, Ernte, Fülle, Überfluss genauso wie Leere, Abschied, Dunkelheit. Und dann – Überraschung, wie schön – plötzlich diese Sonne, so golden, dass die Wälder wie frisch polierter Schmuck leuchten. Herbst ist: Entschlummern, um neu und anders zu beginnen. Herbst ist das große finale Adieu, während alle noch am Oktoberfest tanzen. Ein Gefühl, dass alles aus ist, geht, zumacht – Schanigarten, Freibad, Pool, baba – um für Neues, anderes Platz zu schaffen. Für Ruhe, für Einkehr und jene ewig lodernde Feuerstelle namens Geborgenheit.

Herbst ist: Veränderung, oder, noch besser: Übergang. Eine Zeit, die Bewusstsein für Endlichkeit erweckt, und den Fluss der Zeit nicht im Himbeereisgeschmack versenkt. Jetzt hat das Non-stop-Sommerparty-Gesicht Sendepause. Man wird verletzbarer, vielleicht sogar ein Stück ehrlicher. Dankbar und wehmütig, kalt und warm, traurig und froh, abschiedlich und willkommend zugleich.

Für mich sehr schön hat’s der Schriftsteller Janosch ausgedrückt. Er antwortete im Zeit-Magazin auf die Frage "Herr Janosch, färbt der Herbst wirklich die Blätter?": "Der Herbst färbt alles braungelbgrau und beige und verschmiert-verkleckert, auch verschmuddelt. Das ist gemütlich und mental hilfreich, zum Beispiel bei Liebesschmerz."

Gute Herbsttage!

eMail: gabriele.kuhn@kurier.at


Herbstgefühle gehen im Juli einfach geschmeidiger

Von Guido Tartarotti

Ich mag den Herbst nicht. Und zwar deshalb, weil ich es lieber warm als kalt, lieber hell als dunkel und lieber trocken als nass habe. Ich brauche nur eine einzige Jahreszeit: Juli. Und fertig. Kolumne beendet.

Nein, das geht natürlich nicht. Weißraum muss sich mit Gedanken füllen, so wie die grüne Wiese mit dem bunten Laub der Oktobertage ...

(Eines der Dinge, die ich am Herbst nicht mag: Er verführt die Leute zu billigen Metaphern, die sich meist um Farben, Blätter und Vergänglichkeit drehen. Manche Leute reimen dann sogar, was zu den furchtbarsten Nebenerscheinungen der Sprache gehört – nur Herrn Trakl sollte es erlaubt sein, Herbstgedichte zu schreiben, und der starb bereits 1914 und ist immer noch tot. Viele Menschen fühlen im Herbst auch den Drang, Landschaften zu beschreiben, und da muss ich immer an Thomas Bernhard denken. Er sagte, Landschaftsbeschreibungen sind ein Unsinn, weil eh jeder weiß, wie Landschaft ausschaut.)

Wie die großartige Kollegin Gabriele Kuhn war ich ein Jugendlicher, der sich mit Begeisterung als Schmerzbold inszenierte und sich zu diesem Zweck in jede Menge existenzialistischen Trockeneisnebel hüllte. Ja, auch ich trug dicken schwarzen Kajal, sodass die Unterlider unter dem Gewicht der Farbe zu hängen begannen (es waren die Achtziger, da durfte man das als Bursch), ich bemühte mich, möglichst verachtungsvoll dreinzuschauen, und ich hörte ununterbrochen The Doors.

Aber genauso, wie die düsteren Songs der Doors am sonnendurchfluteten Strand von Santa Monica entstanden waren, wuchs mein dekorativer Weltschmerz an den schönsten Julitagen. Ich war insgeheim immer schon ein Pragmatiker – wenn ich schon deprimiert bin, soll es wenigstens Spaß machen. Ich finde, lebensherbstliche Gefühle gehen einem doch am geschmeidigsten von den Seele, wenn draußen die Sonne scheint und man 17 und weit vom Tod entfernt ist.

Keine Zeit

Vor allem aber, wenn man nicht in die Schule muss. Dem Weltschmerz muss man sich widmen. Wenn man, wie ich, in Mathematik ums Überleben kämpft, hat man schlicht keine Zeit fürs Deprimiertsein.

Es gibt Dinge, die viele Menschen mögen, die machen mich fassungslos, weil ich einfach nicht verstehen kann, warum man solchem Käse Lebenszeit opfert. „Game Of Thrones“ etwa – selten so was Blödes gesehen.

Bei anderen Dingen kann ich gut verstehen, was andere daran mögen – ich kann es nur selbst nicht empfinden. Herbst zum Beispiel: Ja, buntes Laub, Sturmtrinken (worauf auf Sturm meist Drang folgt), Spaziergänge im Nebel, Kuscheln vor dem Kamin, in kratzenden Wollsocken ... ich verstehe das schon. Es interessiert mich nur selber überhaupt nicht.

Ich mag Sonne, ich mag es, wenn es um 21 Uhr noch hell ist, ich mag Barfußgehen und ins Wasser springen und in der Wiese liegen. Und ich brauch auch keinen „Kreislauf“, keinen „Wechsel der Jahreszeiten“, um „Vorfreude“ zu empfinden ... Ich könnte es gut aushalten, wenn jeden Tag Juli wäre, ein Leben lang. Ich müsste heucheln, um etwas anderen zu sagen.

Der wunderbare Kinderbuchautor Janosch sagte einmal in einem Presse-Interview: „Wir schenken unseren Kindern ja nicht das Leben. Wir schenken ihnen den Tod.“ Diesen Gedanken zu ertragen, das fällt mir leichter, wenn es 30 Grad hat und die Sonne scheint.

eMail: guido.tartarotti@kurier.at