Warum nackte Proteste Aufsehen erregen

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Foto: KURIER/Jürg Christandl

Aktivisten lassen für Events die Hüllen fallen. Immer noch erzielt die Entblößung die gewünschte Wirkung.

In der Hauptstadt brechen nackte Zeiten an – zumindest ein Wochenende lang. Nein, die neue Freikörperkultur hat ausnahmsweise nichts mit der berühmten Stadthitze zu tun (der Hochsommer macht vorerst ein paar Tage Pause). Viel mehr sind es Events mit gesellschaftspolitischem Hintergrund, die die Menschen reihenweise zum Ausziehen verführen: Heute, Samstag, demonstrieren auf der Wiener Ringstraße hunderttausend Teilnehmer bei der 22. Regenbogenparade in schriller (Nicht-)Montur für Gleichberechtigung und mehr Akzeptanz für Schwule und Lesben; gestern radelten Öko-Aktivisten textilfrei von der Innenstadt Richtung Donauinsel, um beim Naked Bike Ride die Gefahren für Radler im Straßenverkehr aufzuzeigen.

Die Botschaften mögen unterschiedlich sein, das Mittel zum Zweck ist gleich: Nackte Haut wird als Form von Protest eingesetzt. Neu ist dieses Phänomen nicht, sagt die Theaterwissenschaftlerin Ulrike Traub, die ihre Dissertation über Nacktheit auf der Bühne verfasst hat: "In den späten Sechzigern wurde nackte Haut auf der Bühne verwendet, um gegen die rigide Sexualmoral der Elterngeneration nach dem Zweiten Weltkrieg zu protestieren. Ich würde sagen, ab diesem Zeitpunkt war ein Damm gebrochen und Nacktheit wurde vermehrt eingesetzt."

Verstörungspotenzial

Einen vorläufigen Höhepunkt des Nackt-Protests lieferten vor einigen Jahren die Aktivistinnen der Gruppe Femen, die lautstark und mit entblößten Brüsten für den Feminismus eintraten. Nun, da im Fernsehen zur besten Sendezeit Genitalien präsentiert werden (wie in der neuen Kuppelshow "Naked Attraction") und jeder Zugang zu Pornografie hat, stellt sich die Frage: Hat nackte Haut fernab des eigenen Schlafzimmers überhaupt noch Erregungspotenzial – geschweige denn die Macht, gesellschaftspolitische Diskurse anzustoßen?  … Foto: KURIER/Franz Gruber

Die Wiener zumindest scheint die Sperre des Rings mehr zu echauffieren als ein paar nackige Nippel. "Angesichts der Allgegenwärtigkeit von Nackten auf Plakatwänden usw. sollte man meinen, dass uns das heute nicht mehr schockiert", sagt Traub. "Allerdings sind dies Körper, die den geltenden ästhetischen Normen entsprechen und mit Photoshop noch perfekter gemacht worden sind. An die Stelle des nackten Körpers ist das Gebot der Schönheit getreten." Heißt: Nackt ist okay, aber bitte makellos. Da der mit Cellulite, Narben und Falten gespickte Durchschnittskörper in der Regel mit der Norm bricht, kann er sehr wohl verstören.

Ein echter "Schocker" seien Körper, die dem jeweiligen Schönheitsideal widersprechen, sagt Traub: "Sehr dicke Körper, unrasierte Achseln. Zudem wirken bewegte nackte Körper verstörender als solche auf Plakaten."

Aufmerksamkeit

Trotz allem: Nacktheit wirkt, immer noch. "Wir brauchen das Interesse der Medien, um gehört zu werden und etwas verändern zu können", begründete Femen-Mitglied Anna Hutsol gegenüber der Zeit einst ihren vollen Körpereinsatz. Auch die Botschaft der Wiener Nacktradler würde wohl kaum jemand mitbekommen, trügen sie bei ihrer Mission Trikot und Hose. "Der nackte Körper in der Öffentlichkeit verstört den Blick und erregt Aufmerksamkeit", stellt Ulrike Traub klar. Mit erotischer Lust habe das nichts zu tun, erklärt die Sexualpsychologin Daniela Renn: "Da kommt eher unsere voyeuristische Seite zum Vorschein. Das ist aber kein Voyeurismus zum Zwecke der sexuellen Erregung, sondern Neugierde: Wie schauen andere nackt aus?"

Übrigens: Das Prinzip "Schock durch Nacktheit" funktioniert auch in die andere Richtung. Das in die Jahre gekommene Herrenmagazin Playboy hatte selten so viel Medienpräsenz wie an jenem Tag, als es verkündete, künftig auf nackte Models verzichten zu wollen. Nicht einmal dann, als es diesen Vorsatz kurze Zeit später wieder über den Haufen warf.

(kurier) Erstellt am
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