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Leben
05/21/2019

Warum es bei Wien bald ein "sex-positives" Festival geben wird

Fünf Tage Sex: Ein Festival soll dem Thema Sexualität aus der Schmuddel-Ecke helfen.

von Julia Pfligl

In der Buckligen Welt wird der Sommer heuer besonders heiß. Eine knappe Woche lang dreht sich unweit der Hauptstadt alles um Sex – vom Tantra-Workshop über Körperwahrnehmung bis zu ekstatischem Tanz und Morning-Yoga.

Das mag durchaus pikant klingen – doch Sexolution, so der Name des fünftägigen Festivals, ist als Möglichkeit der sexuellen Weiterbildung gedacht. Keine schmuddelige Erotik-Messe, bei der barbusige Damen vor sabbernden Herren Vibratoren vorführen, und auch kein Outdoor-Swingerclub, betont Veranstalter Reinhard Gaida. Vor sieben Jahren schuf der Lebens- und Sozialberater und ausgebildete Therapeut mit der „Schwelle“ einen Raum für sexuelle Entfaltung (siehe unten). „Vergangenes Jahr haben wir von der Schwelle zum ersten Mal bei der Love Parade mitgemacht. Weil das so gut ankam, dachten wir, es ist Zeit, das Thema zu vertiefen und ein Festival zu veranstalten.“

Klare Grenzen

Mit dem Event – eine Premiere in Österreich – möchten Gaida und sein Team Sexualität aus dem Schmuddel-Eck holen und der Thematik einen seriösen Anstrich verpassen. Dementsprechend liest sich die Liste der „Teacher“, die er verpflichten konnte: Fast alle sind Coaches, Sexual- und Körpertherapeuten, auch Ärzte werden vor Ort sein. Und ja, sagt Gaida, es wird zu sexuellen Handlungen kommen, aber nur an „von außen nicht einsehbaren“ Orten. „Es gibt klare Grenzen: Wir werden sehr darauf achten, dass alles konsensual ist und niemand etwas macht, um sich selbst zu inszenieren oder andere zu belästigen. Die wichtigste Regel der ‚Schwelle‘ gilt auch für das Festival: ‚Alles außer ein enthusiastisches Ja ist kein Ja.‘ Es ist ein seriöses Angebot an Menschen, die sich weiterentwickeln wollen.“

Über allem steht der Gedanke des Sex-Positivismus, der, etwas verspätet, nun auch in Österreich Verbreitung findet. Sex-positiv, das hat nichts mit einer Diagnose zu tun, im Gegenteil: „Es bedeutet, dass Sexualität als etwas per se Positives angesehen wird, als eine Quelle von Vergnügen, Erfahrungen und Selbsterkenntnis“, erklärt der Therapeut. Dabei geht es auch darum, andere sexuelle Orientierungen zu akzeptieren, oder Menschen, die bewusst auf Sex verzichten. Alles ist erlaubt, solange das SSC-Prinzip (safe, sane, consensual – sicher, gesund, einvernehmlich) eingehalten wird.

Wenn Gaida erzählt, drängt sich der Vergleich mit der sexuellen Aufbruchstimmung der späten Sechzigerjahre auf. Der Zufall will es, dass Österreichs erstes Sex-Festival exakt fünfzig Jahre nach dem wohl berühmtesten Festival der Welt stattfindet: Im August 1969 feierten Hippies beim Woodstock-Festival den Höhepunkt des „Summer of Love“. Steht nun also wieder eine sexuelle Revolution ante portas?

Nein, sagt Gaida. Die Probleme, der Zugang zu Sexualität haben sich verlagert, wie die #MeToo-Bewegung deutlich gemacht hat: „Heute geht es vor allem um einen reflektierten, therapeutischen Umgang mit Sexualität. Man sieht an #MeToo, wie wichtig das Thema gerade ist.“ Der Name des Festivals spielt daher nicht auf „Revolution“ an, sondern auf „Solution“, also Lösung, und „Evolution“, also Weiterentwicklung. „Ich denke, dass heute noch ganz viel unterdrückt wird, was Sexualität betrifft“, sagt Gaida. „Dabei ist Sex etwas Intimes und Heilendes. Es ist wichtig, Sexualität im zwischenmenschlichen Bereich aktiv zu leben und nicht nur vor dem Computer sitzend Pornos zu schauen. Dabei erfährt man viel über sich selbst und stärkt seinen Selbstwert.“

Sehnsucht nach Berührung

Apropos freie Liebe: Polyamorie, also offene Beziehungen mit mehreren Menschen gleichzeitig, erachtet Reinhard Gaida als den derzeit größten gesellschaftlichen Trend, was die Sexualität anbelangt. (Auch dazu wird es beim Festival einen Workshop geben.)

Auch die Sehnsucht nach Berührung wird in einer scheinbar über-sexualisierten Gesellschaft stärker, beobachtet der Therapeut. „Wir leben in einem Zeitalter, in dem Berührung etwas Außergewöhnliches geworden ist. Wir hängen alle an unseren Smartphones und haben wenig körperlichen Kontakt zu anderen Menschen.“ Auch das möchte er mit dem Sexolution-Festival ändern.

Hintergrund

Sexolution

Das fünftägige Festival findet von 21. bis 25. August 2019 auf einem Festivalgelände im südlichen Niederösterreich mit 300 exklusiven Teilnehmern statt. Tickets sind ab 350 Euro erhältlich. www.sexolution-festival.com.

Schwelle Wien

Vor sieben Jahren gründete Lebens- und Sozialberater Reinhard Gaida im 15. Bezirk Wiens ersten „sex-positiven Raum“. Besucher können sich offen über  Sexualität austauschen und  sich individuell entfalten. Regelmäßig finden Kurse und Workshops statt. www.schwelle.at