Vorstadt Döbling: Wie gut kennen Sie Wien?

Buchvorstellung "Döbling"<br />
Brandstätter Verlag <br />
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Foto: imagno_votava Das Hohe-Warte Bad: Einst Halle eines Filmstudios, dann ein Sommerbad, um 1935

Elegante Villen und trutzige Gemeindebauten, Wienerwald, Weingärten und idyllische Heurige. Dörfer, die trotz allem Stadt sind. Das alles ist Döbling, der 19. Bezirk Wiens. Ein neues Buch erzählt Geschichten und Geschichte aus der Vorstadt.

Wenn man im Hohe Warte Bad sein Garderobenkästchen aufsperrte, lachte einem das feiste Gesicht des  Volksschauspielers Fritz Imhoff entgegen. Seine Glatze war durch ein an allen vier Ecken geknotetes Taschentuch geschützt und darunter war der Werbespruch zu lesen: "Wer badet, duscht und pritschelt, fühlt, wie sehr ein Bad von außen kühlt. Fürs Bad von innen braucht es mehr – da muss ein Glaserl Stadtbräu her."

Bad im Filmstudio

Das Stadtbräu existiert längst nicht mehr und auch das Hohe Warte Bad musste 1987 einer Seniorenresidenz weichen. Dabei war das Bad einst hochmodern gewesen: Es wurde in der Halle der "Dreamland"-Filmstudios errichtet und hatte ein verschiebbares Dach und drei Glaswände. Die reflektierten die Sonne. In Hitzeperioden musste deshalb mitunter die  Wassertemperatur gesenkt werden. Das ein paar hundert Meter weiter neu gebaute Bad hat jedenfalls weit weniger Charme und Atmosphäre.

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… Foto: imagno_austrian archives 85.000 Zuschauer beim Match auf der Hohen Warte
Was den so einzigartigen, vielfältigen Zauber des 19. Wiener Gemeindebezirks ausmacht, beschreibt die Autorin Irmi Soravia in ihrem neuen Buch "Döbling". Immerhin besteht der Bezirk im Nordwesten Wiens ja zur Hälfte aus dem Grün des Wienerwalds und der Weingärten, den Rest teilen sich Villenviertel, Gemeindebau-Burgen wie der Karl-Marx-Hof, Sportplätze und natürlich viele, viele Heurige.

Die Hohe Warte war überhaupt einmal ein Hotspot des Bezirks. Wo heute der gerade noch an der Pleite vorbeigeschrammte und  1894 gegründete „First Vienna Football Club“ vor ein paar Hundert Zuschauern kickt, steppte einst der Bär. Das Stadion wurde im Jahr 1921 für 85.000 Zuschauer gebaut. Und die kamen tatsächlich. Elegante Damen und Herren ebenso wie das „einfache Volk“. Und wer sich keine Eintrittskarte leisten konnte, versuchte über den Zaun zu lugen und so trotzdem das Match zu verfolgen.

Historische Fotos zum Erinnern und Staunen:

Auf zum Match
Hotspot Hohe Warte: Das Fußballstadion der Vienna fasste einmal 85.000 Zuschauer und war stets gut gefüllt. Wer sich keine Eintrittskarte leisten konnte, versuchte das Geschehen auf dem Rasen trotzdem zu verfolgen. Chillen anno 1962
Schön ist so eine Landpartie. Rast auf   einer der  vielen Wiesen im Wienerwald. Der Not gehorchend
Auf einem klapprigen Leiterwagerl sammelten Menschen im Wienerwald Brennholz, wenn das Geld für Heizmaterial  fehlte. Wie diese Frau in der Zeit der Wirtschaftskrise, um 1925. Verkehrsarm
Elektrische Tramway, kaum Autos: Blick stadtauswärts in die Döblinger Hauptstraße bei der  Gatterburggasse (1909). Mit der Maschin auf den Kahlenberg
Das erste Bergrennen fuer Motorr‰der mit oder ohne Beiwagen auf der Wiener Höˆhenstraße im Oktober 1936. Badefreuden
Das Nussdorfer Bad, das um 1800 gegründet wurde. Das Wasser dafür wurde aus der Donau geholt und mit Eseln ins Bad gebracht. Landpartie
Seit gut  100 Jahren Fixpunkt an der Höhenstraße: Das „Häuserl am Roan“ am Dreimarkstein (1926). Der riesige Gastgarten war Ziel für Wienerwald-Wanderer. Es wird a Wein sein
Grinzing, Sievering, Neustift und Nussdorf – die ehemaligen Dörfer als Zentren des Weinbaus. Die Heurigen locken Wiener und Touristen. Beim Schneider-Hengl in der Cobenzlgasse, 1930 Hier wohnen Reich und Schön
Halle der von Josef Hoffmann fuer Hugo Henneberg erbauten Villa auf der Hohen Warte. ‹Über dem Kamin eingebaut Klimts Bildnis Marie Henneberg (1903).

Der Wienerwald wurde schon bald als "grüne Lunge"  erkannt. Als Luftreservoir in einer Stadt, in der in den inneren Bezirken die Menschen  beengt und vielfach ärmlich mit Schmutz und Ungeziefer lebten. Nicht ohne Grund wurde die Lungentuberkulose „Wiener Krankheit“ genannt. Schon 1905 wurde der Bau der Höhenstraße angedacht, um den Wienerwald besser zugänglich zu machen. Aus Geldnot wurde zunächst nur der Teil von Grinzing auf den Cobenzl realisiert. Der große Rest folgte in der Zeit des Austrofaschismus zwecks Arbeitsbeschaffung.

Berta Zuckerkandl-Szeps Foto: ÖNB/imagno austrian archives Berta Zuckerkandl lud in ihren Salon

Die Bevölkerung  war nach der Fertigstellung begeistert. Tausende Automobile sorgten für Staus und unzählige Menschen säumten die Straße bei Motorrad-, Rad- und Autorennen. Es gab jede Menge Ausflugsgasthäuser für die einfachen Leute. Wer es sich leisten konnte, genoss den Ausblick auf der mondänen Terrasse des Schlosshotels Cobenzl oder des Kahlenberg-Hotels.

Als Wohngegend ist der 19. Bezirk immer noch begehrt. So wie schon am Beginn des 20. Jahrhunderts.  Gustav Mahler, Gustav Klimt, Max Reinhardt oder Josef Hoffmann kamen fast täglich in die Doppelhausvilla der Maler Carl Moll und Kolo Moser.

Die Villen der Reichen und Schönen

Berta Zuckerkandl, Wiens berühmteste Salondame und Kämpferin für die Moderne, lud in ihre Villa in der Nusswaldgasse zum Gedankenaustausch. Diese Villa steht heute nicht mehr. Die Hörbigers – Paula Wessely und Attila Hörbiger – bewohnten ein Haus  in der Himmelstraße und am Kaasgraben entstand eine auch heute noch gut erhaltene Villensiedlung, entworfen von Architekt Josef Hoffmann. Wohltäterin und Frauenvorkämpferin Yella Hertzka finanzierte hier Häuser, die von Künstlern und Intellektuellen bezogen wurden, die sich ein solches Domizil ohne Unterstützung kaum hätten leisten können. Sozialer Wohnbau im Grünen quasi.

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Zum Nachlesen

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Foto: Brandstätter Verlag

„Döbling“ von Irmi Soravia, Brandstätter Verlag, 49,90 €, mit zahlreichen historischen Bildern und Fotografien von Gerhard Trumler.

(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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