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Studie
10/01/2014

Vorlesen ist das wichtigste Lernerlebnis

Geschichten lesen stärkt die Sprachentwicklung und fördert den Familien-Zusammenhalt.

von Daniela Davidovits

Wer Kindern vorliest, fördert nicht nur Sprachkompetenz und Wortschatz, sondern stärkt auch die sozialen Bindungen in der Familie, wissen Experten. In der großen Vorlesestudie 2014, die die deutsche Stiftung Lesen in Berlin präsentierte, wurde das wieder einmal belegt. "Wenn in Familien vorgelesen wird, stößt das über die Geschichten hinaus oft Gespräche an", sagte Studienleiterin Simone Ehmig. Die Zuwendung und vertrauensvolle Stimmung lade dazu ein, auch über schwierige Situationen oder Probleme zu reden.

Denn durch eine Geschichte in Kuschel-Atmosphäre können Gespräche entstehen, die Eltern viel über ihr Kind verraten - von Wünschen bis Ängsten. Und viele Kinder genießen die ungestörte Nähe von Mama oder Papa fast so sehr wie die Gute-Nacht-Geschichte selbst.

Umzüge, Trennungen, Tod der Großeltern, wachsender Alltagsstress, Kindergarten, Schule und neue Medien: Eine Kindheit kann ganz schön anstrengend sein. Vorlesen heißt da oft: Innehalten und den Luxus ungeteilter Aufmerksamkeit genießen - oft bei Kindern und Eltern gleichermaßen, heißt es in der Studie. Doch nur etwa zwei Drittel der Familien in Deutschland gönnen sich diese regelmäßige Auszeit. Ein Fünftel der Eltern lesen Kindern zwischen zwei und acht Jahren selten vor, elf Prozent verzichten trotz vieler Appelle ganz. Das sei aus vielen Gründen schade, sagen Experten.

"Es geht ja nicht allein um die Entwicklung von Sprachvermögen, einen größeren Wortschatz oder Ausdrucksvermögen", sagt Ehmig. Kinder erfahren durch Geschichten auch Dinge, die über ihre eigene Erlebniswelt hinausgingen. Das erweitere den Horizont, fördere Fantasie und Empathie. Belegt sei, dass Kinder mit Vorlese-Erfahrung ganz unabhängig vom Bildungsniveau ihrer Eltern später bessere Schulnoten bekämen - und das nicht nur in Deutsch.

Für die neue Studie wollten die Forscher aber auch wissen, was Vorlesen für die Kommunikation und Bindung zwischen Eltern und Kindern bedeutet. Herausgekommen ist vor allem eines: mehr als gedacht. Denn in vielen Familien geht es nicht allein um die Geschichten. Sie sind oft der Anknüpfungspunkt dafür, über den Alltag zu reden, über das Miteinander, Regeln, Werte, Ärger, Freude oder über den Ausflug am Wochenende. "Beim Vorlesen können wir häufig auch Themen ansprechen, für die in unserem Alltag kein Platz ist", hat mehr als die Hälfte der Eltern in der Umfrage geantwortet. Manchmal greifen sie auch bewusst zum Buch, um ein Thema anzugehen. Tod und Trauer, zum Beispiel. Sehr beliebt: "Die Brüder Löwenherz" von Astrid Lindgren.

Und wer liest vor? "Vor allem Erwachsene, die selbst viel und gerne lesen und dies als Genuss auch Kindern vermitteln wollen", sagt Petra Wieler, Professorin für Grundschulpädagogik an der Freien Universität Berlin. Es müssen nicht allein die Eltern oder Großeltern sein, in Berlin gibt es zum Beispiel auch Lesepaten an Schulen.

"Gemütlich zusammen sitzen und lesen"

"Wenn das Kind mit diesem Thema ein angenehmes Erlebnis, wie ein gemütliches Zusammensitzen verbindet, springt der Funke von alleine über", sagt KURIER-Familycoach Martina Leibovici-Mühlberger. "Die Eltern haben auch hier eine Vorbildwirkung", erklärt sie. Die Expertin rät daher, nicht bis zum Schulbeginn mit Büchern und Geschichten zu warten. Je früher Kinder in die Erlebniswelt von Erzählungen eintauchen, desto besser. Gewusst wie: "Eine Geschichte braucht Komponenten wie Spannung, einen Konflikt und die moralische Auseinandersetzung mit einer bestimmten Situation, damit Interesse geweckt wird", weiß sie.

Das Vorlese-Medium spielt dabei nach Angaben der Forscher keine Rolle. Es kann das klassische Kinderbuch sein, aber auch ein Tablet oder Computer. Vor allem Väter schätzten dabei neue Technik. Die positiven Wirkungen des Vorlesens in der Familie entfalten sich auch, wenn Eltern nicht in deutscher Sprache vorlesen. Wissenschaftler raten Migranten, ihren Kindern in der Sprache vorzulesen, in der sie sich selbst am wohlsten fühlen.

Um auch Kindern mit wenigen Büchern den Zugang zum Lesen zu ermöglichen, gründete Märchenerzähler und Autor Folke Tegetthof die "Geschichtenbox". Dort können aus einem Fundus von tausenden Geschichten und Gedichten die jeweils zum Kind Passenden ausgesucht werden.

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