Leben
15.05.2015

75 Jahre Nylons

Am 15. Mai 1940 war halb Amerika auf den Beinen. Die Damen nämlich. Sie wollten nur eines: Strümpfe.

An jenem Mittwoch im Mai hatten unzählige US-Amerikanerinnen ihre Heimat-Kleinstädte hinter sich gelassen und sich in einer der Metropolen einquartiert. Die Menge vor den Kaufhäusern konnte nur durch Polizeiabsperrungen in Schach gehalten werden. In den Geschäften prügelten sich die Frauen zwischen den Regalen. Und das, obwohl die New York Times gewarnt hatte: Der Verkauf werde nur mit einer begrenzten Menge beginnen, die wahrscheinlich zu Mittag ausverkauft sei. Die Warnung hatte die entfesselten Massen aber nur weiter angestachelt – binnen kürzester Zeit waren alle Bestände restlos ausverkauft.

Der 15. Mai 1940 ging als N-Day (Nylon-Day) in die Geschichte ein – der erste offizielle Verkaufstag von in Massenproduktion hergestellten Nylonstrümpfen in den USA. Fast eine Million Nylons gingen allein an diesem Tag über die Ladentische. Ein durchschlagender Erfolg für die erste Kunstfaser der Welt – und für ihren Hersteller, den Chemiekonzern DuPont.

Fallschirm? Strumpf!

Die Geschäftsleitung hatte nicht lange überlegt, wie der neue Stoff zu vermarkten sei. Nicht als Fallschirm, Zelt oder Hängematte. Nein, gegen Ende der 1930er-Jahre, als die Röcke gerade noch die Knie bedeckten, gab es für Nylon schlichtweg keinen größeren Markt als den für Damenstrümpfe. Schwerer tat man sich bei der Namensgebung. Gerne erzählt man sich, "Nylon" sei während eines Flugs zweier DuPont-Mitarbeiter von New York nach London entstanden – von NY nach LON. Das ist wohl genauso eine Legende wie die Geschichte, der Name gehe auf den Erfinder der Faser zurück, der nach seinem Durchbruch das Ende des japanischen Seidenmonopols verkündete: Now, you lousy old Nipponese? (Was nun, ihr lausig alten Japsen?)

Die Wahrheit ist unspektakulär. Fiber 66, wie die Forscher die Faser nannten, war der Marketingabteilung des Konzerns zu wenig glamourös. Also kam man auf "norun" (no run: keine Laufmaschen), ein Versprechen, das jedoch nicht einzuhalten war. Oder "nuron". Immer wieder drehten und tauschten die Verkäufer die Buchstaben, um sich dann auf " Nylon" zu einigen. Vorgestellt hatte DuPont seine Erfindung zwei Jahre vor dem N-day – in New York auf der Weltausstellung. Schon ein halbes Jahr zuvor kündigte man die "erste von Menschen gemachte Textilfaser" an und machte damit weltweit Furore. 1939 verkaufte der Chemiekonzern an seinem Firmensitz Wilmington erstmals 4000 Paar Nylonstrümpfe aus einer Versuchsanlage. Erfunden hatte sie der Chemiker Wallace Carothers. Er war 1928 zu DuPont gestoßen, wo er sich mit der Erforschung von Polymeren beschäftigte – sehr lange Kohlenwasserstoffmoleküle, die wie Ketten aus den immer gleichen Bausteinen zusammengesetzt sind. Die Firma richtete ihm ein eigenes Labor ein, in dem er tun und lassen konnte, was er wollte. Zwei Jahre nach seiner Einstellung präsentierte er einen Kunststoff, der später unter dem Namen Neopren weltbekannt wurde.

Verführung? Chemie!

Anfang 1935 führten ihn seine Experimente mit Polyamiden schließlich zu seinem größten Erfolg: Wenn Carothers einen kühlen Eisenstab in ein heißes Gemisch aus Steinkohlenteer, Wasser und Alkohol tauchte und wieder herauszog, entstanden reine, weiße Fasern, die "zäh wie Stahl und fein wie ein Spinnennetz" waren. Und die Frauen bald verzücken sollten. All das trotz der Nähte und der Tatsache, dass noch erhaltene Exemplare verglichen mit heutigen Strümpfen recht grob wirken. Fast zur selben Zeit wurde auf der anderen Seite des Atlantiks vom Chemiker Paul Schlack für die IG Farben eine sehr ähnliche Faser erfunden – Perlon. Ein Strumpfkrieg blieb aus: Die beiden Chemiekonzerne teilten sich die Absatzmärkte. DuPont sollte alle Länder westlich von Deutschland mit Nylons, die IG Farben östlich davon mit Perlonstrümpfen beliefern. Die Freude der Damen am neuen Accessoire währte nur kurz: Nach Kriegsbeginn wurden weder Nylon noch Perlon länger zu Strümpfen verarbeitet. Die synthetische Faser war "kriegswichtiges Material" – und Fallschirmen, Zelten, Hängematten sowie Seilen vorbehalten. Nylons waren nur noch auf dem Schwarzmarkt zu bekommen. Begehrt waren sie trotzdem: "Was fehlt euch am meisten?" wurden junge Amerikanerinnen bei Kriegsende gefragt. Nur 35 Prozent antworteten: "Männer" – der Rest wollte "Nylons". All das erlebte Wallace Carothers nicht mehr. Der blitzgescheite Forscher litt seit Kindertagen an Depressionen und trug an seiner Uhrkette eine Blausäure-Kapsel mit sich herum. 1937 fuhr er in ein Hotel in Philadelphia, leerte das Gift in ein Glas Zitronensaft und starb – 14 Monate nach seiner Hochzeit, sieben vor der Geburt seiner Tochter und drei Jahre vor jenem Tag, an dem halb Amerika Schlange stand – und der als N-Day in die Geschichte einging.