Leben 14.03.2018

Von der Straße auf die Bestsellerliste

Die Autorenfotos von Richard Brox dürfen für Buchbesprechungen zu seinem Buch "Kein Dach über dem Leben" mit dem Copyright Tim I… © Bild: Tim Ilskens

Richard Brox hat als Obdachloser Erfolg. Seine Biografie sorgt nicht nur in Deutschland für Furore

Sein Husten erinnert an den langen kalten Winter, den er wieder auf der Straße und in Notunterkünften überlebt hat. Und doch wirkt Richard Brox im Gespräch mit dem KURIER gut gelaunt. Unfassbar: Er, der ganz unten lebt, steht im Moment ganz weit oben. Sein Buch "Kein Dach über dem Leben" ist seit Weihnachten in vielen deutschen Bestsellerlisten vertreten. "Und jetzt soll es auch ins Englische und für die Chinesen übersetzt werden", jubelt Brox durchs Telefon.

Im Buch beschreibt der 53-jährige Mannheimer schonungslos seine Karriere als "Penner", wie man obdachlose Menschen in Deutschland abfällig nennt. Wie so viele stürzte Brox, schneller als ihm lieb war, in einen sozialen Abgrund, aus dem nur wenige zurückkehren.

Der Sohn von Holocaust-Überlebenden erzählt, dass er dreißig Jahre lang auf der Straße und in Not-Asylen verbracht hat. Sozialromantisch ist das gar nicht: "Oft sind die Betten feucht vom Urin des Vorgängers, und die Toiletten haben keine Türen."

Nachhaltig geholfen hat ihm dann der Aufdecker-Autor Günter Wallraff, der ihn interviewt hat. Seither schreibt er auf, was er als Obdachloser erlebt. Dass sich seine Biografie derart gut verkauft, freut ihn natürlich: "Wann und wo wird einem wie mir sonst Aufmerksamkeit geschenkt?"

Applaus in der Kirche

Hömal Augustin-Verkäufer © Bild: Mario Lang

Der Wiener Augustin-Verkäufer Hömal, der auf seinen Familiennamen keinen gesteigerten Wert legt, kann die Freude des Kollegen aus Mannheim gut nachvollziehen. Weil er weiß, wie sich Erfolg nach Jahren des Misserfolgs anfühlt. Auch Hömal hat seine Leidensgeschichte aufgeschrieben. Es ist die Geschichte von einem, der den Berufswunsch der Mutter (katholischer Priester) nicht erfüllen konnte und am Ende als wortkarger Alkoholiker in einem Männerheim der Heilsarmee landete, wo er neun Jahre (über)lebte.

Seine Erzählung deckt sich mit jener von Brox: "Wir waren vierzig Männer in einem Haus in der Großen Schiffgasse. Ich habe dort in einem Drei-Bett-Zimmer geschlafen. Ein Mitbewohner ist in der Nacht oft b’soffen heimgekommen und hat alle aufgeweckt." Wie er das all die Jahre ausgehalten hat? "Ich weiß das heute nicht mehr. Man passt sich irgendwie den Umständen an. Man glaubt gar nicht, was ein Mensch alles aushalten kann."

Hömal Augustin-Verkäufer © Bild: Mario Lang

Hömal, der heute im Chor der Obdachlosen singt und für den Augustin Fußball spielt, hat seine Geschichte in dem Buch "Die Armen von Wien" (ÖGB-Verlag) notiert. Vor wenigen Tagen hat er sie in einem Gottesdienst der evangelischen Zwingli-Kirche in Wien 15 vorgetragen – und bekam dafür spontan und lange anhaltend Applaus.

Sein Mannheimer Kollege spricht ihm aus der Seele: "Ich habe das Buch nicht für mich geschrieben, ich wollte mehr Verständnis für uns Obdachlose erwecken."

Geld für sein Hospiz

Von den Bucheinnahmen will Richard Brox nichts behalten: "Das Geld fließt direkt in meine hospizähnliche Einrichtung." Schon seit Längerem betreut er, der selbst nicht viel hat, Obdachlose, die an Krebs oder Aids erkrankt sind, auf ihrem letzten Weg. Was er sich wünschen würde? "Bessere Notunterkünfte, die 24 Stunden lang betreut werden, und die Abschaffung der Mehrbettzimmer." Viele Menschen, die im Freien übernachten, kämen nicht in die Aufnahmestellen, "weil sie Gewalt und Beleidigungen fürchten".

Mehr Infos im Blog von Brox: www.ohnewohnung-wasnun.blogspot.com

Die Autorenfotos von Richard Brox dürfen für Buchbesprechungen zu seinem Buch "Kein Dach über dem Leben" mit dem Copyright Tim I… © Bild: Tim Ilskens

Sein Buch:Richard Brox: Kein Dach über dem Leben. Biographie eines Obdachlosen. Verlag rororo, 272 Seiten, 10,30 Euro

( kurier.at ) Erstellt am 14.03.2018