Leben
07.08.2018

Geburtsvorbereitung 2.0: Wenn man das Stillen im Internet lernt

Zwei Wienerinnen gehen mit einem Online-Kurs für werdende Eltern neue Wege. Was das bringen kann – und was nicht.

"Ganz wichtig ist für jede Stillposition, dass die Mutter bequem sitzt", sagt Maria Göttlicher und zeigt mit einer Babypuppe im hellgelben Strampler vor, wie man einen Säugling am besten zur Brust führt. Dabei ist die Still- und Laktationsberaterin nicht wie bei einem herkömmlichen Geburtsvorbereitungskurs von werdenden Müttern und Vätern umringt. Sie gibt ihren Zusehern die Still-Tipps per Video.

Die virtuelle Stillberatung ist eines von vielen Videos, das schwangere Frauen und Paare auf der Online-Plattform "Deine Geburt" ansehen können. Ins Leben gerufen wurde die Website von Gynäkologin Jasmin Rahhal-Schupp und Hebamme Amelie Zitny. Die beiden Wienerinnen wollen werdenden Eltern ein alternatives und praktisches Angebot zur Verfügung stellen. "Uns ist aufgefallen, je besser Frauen informiert sind, desto entspannter sind sie bei der Geburt. Gleichzeitig haben wir bemerkt, dass immer mehr werdende Eltern keine Zeit haben, einen normalen Geburtsvorbereitungskurs zu besuchen", erklärt Rahhal-Schupp. Mit den Online-Videos können sie dennoch auf eine Orientierungshilfe während der Schwangerschaft und in den ersten Wochen nach der Geburt zurückgreifen.

Den beiden Frauen war wichtig, ein umfassendes Angebot bereitzustellen. Die 53 Kurseinheiten bieten Informationsmaterial für rund 16 Stunden. Zum Vergleich: Ein klassischer Geburtsvorbereitungskurs dauert im Schnitt zehn Stunden. Zu Wort kommen neben Rahhal-Schupp und Zitny selbst in Summe acht Experten, darunter eine Ärztin, die auf TCM spezialisiert ist und ein Anästhesist. Kostenpunkt: 179 Euro. Der Vorteil des Konzepts liegt den Gründerinnen zufolge in der Flexibilität: "Der Kurs ist zeitlich und örtlich unabhängig. Ich kann mir die Inhalte anschauen wo ich will, so oft ich will und gezielt jene Folgen, die mich gerade betreffen", schildert Zitny. Die Gründerinnen sehen ihr Angebot keinesfalls als Ersatz zu Arztbesuchen während und nach der Schwangerschaft. Zum klassischen Kurs könne "Deine Geburt" aber eine Alternative sein.

Kein Austausch

Regina Zsivkovits, Leiterin des Hebammenzentrums in Wien, sieht das Online-Angebot kritisch. "Der Kurs ist modern und fachlich kompetent aufbereitet – ein großes Manko ist aber, dass kein Austausch mit anderen werdenden Müttern und Vätern stattfindet. Dabei ist das eines der Kernelemente jedes Geburtsvorbereitungskurses."

Beim klassischen Kurs finde nicht nur Informationsweitergabe, sondern auch menschlicher Austausch statt. Dieser ermöglicht wiederum, dass werdende Eltern mit anderen Erfahrungswerten, Fragen und Lebenssituationen in Kontakt kommen. Problematisch bewertet Zsivkovits auch, dass der Aspekt der Körperlichkeit bei der Schwangerschaft und Geburt nur virtuell vermittelt wird: "Die Geburt ist ein komplexes, körperlich forderndes Geschehen, das hier rein theoretisch und ohne Möglichkeit der direkten Berührung und Erklärung am Körper besprochen wird." Es sei vermessen, zu glauben, dass Frauen dadurch mit dem Geburtsvorgang vertraut werden.

Mütter ermutigen

Mit ihrem Projekt wollen Zitny und Rahhal-Schupp vor allem werdende Mütter unterstützen. "Uns ist wichtig, dass sich Frauen im Kreissaal nicht ausgeliefert fühlen." Oft sei der Betreuungsschlüssel im Krankenhaus suboptimal; Frauen beziehungsweise Paare daher nicht selten über längere Zeiträume allein. "Da kann es ungemein helfen, wenn die Frau weiß, was sie für sich tun kann und wenn der Mann informiert ist, wie er unterstützen kann." Wesentlich sei, dass Frauen verinnerlichen, welche Wünsche sie artikulieren und welche Maßnahmen sie ablehnen können. Männer können sich auf der Plattform unterdessen in eigens gestalteten Väterfolgen, in denen Papas über ihre Erfahrungen berichten, und mit praktischen Übungen auf die Vaterschaft einstellen.

Da Frauen und Paare nach der Geburt einen veränderten Alltag erleben, sind auch dem Thema Wochenbett Videos gewidmet. "Viele Frauen glauben, dass sie mit Schlafmangel, Niedergeschlagenheit und Erschöpfung nach der Geburt alleine sind. Entsprechend groß ist die Erleichterung, wenn man ihnen sagt, dass das ganz normal ist", sagt Rahhal-Schupp. Wichtig sei auch, darüber zu informieren, "ab wann Verstimmungen nicht mehr normal sind und man sich Hilfe suchen sollte".