Partnersuche früher und heute

Kiss
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Den Partner fürs Leben zu finden, war schon immer kompliziert. Die Liebe spielte dabei nur eine Nebenrolle.

Effi Briest war noch ein Kind, fast jedenfalls, als die Mutter sie eines Tages vom Toben vom Garten ins Haus holte. Sie wollte ihr jemanden vorstellen: Baron von Innstetten, ein Mann von Welt, stattlich und angesehen – und mehr als doppelt so alt wie die Siebzehnjährige. Früher war er ein Verehrer ihrer Mutter gewesen, jetzt sollte er ihre Tochter heiraten. "Er ist freilich älter als du, was alles in allem ein Glück ist", sagte die Mutter, die die Verwunderung ihrer Tochter bemerkte, "dazu ein Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten, und wenn Du nicht ‚nein‘ sagst, was ich mir von meiner klugen Effi kaum denken kann, stehst Du mit 20 da, wo andere mit 40 stehen." Die kluge Effi gehorchte. Noch am selben Abend fand die Verlobung statt.

Die Szene aus Theodor Fontanes Roman, entstanden im späten 19. Jahrhundert, beschreibt, wie Heiratsvermittlung lange vor der Emanzipation der Frau und dem Zeitalter Internet vonstattenging. Die Ehe war in erster Linie eine von den Eltern arrangierte Wirtschaftsgemeinschaft, Gefühle zwar erwünscht, aber keineswegs eine Bedingung. "Manchmal wuchs die Zuneigung noch", berichtet Annegret Braun in ihrem neuen Buch "Mr. Right und Lady Perfect", "aber im Großen und Ganzen wurden Gefühle als Bedrohung angesehen. Man hat Bürgerliche davon abgehalten, Liebesgeschichten zu lesen, damit sie keine romantischen Vorstellungen bekamen. Diese konnten arrangierte Ehen gefährden: Zum Schluss verliebt sich die reiche Bäuerin noch in den mittellosen Knecht, und der Bauernhof geht den Bach hinunter. Die ganze Familie wäre dann existenzgefährdet."

Es ist natürlich kein Zufall, dass Brauns Kulturgeschichte der Partnersuche rechtzeitig zum Valentinstag erscheint. Gut 1,6 Millionen Menschen in Österreich verbringen den Tag der Liebenden schließlich ohne Liebe – und es darf davon ausgegangen werden, dass sich ein Großteil nach derselben sehnt. Denn gesucht wird heute nahezu überall: im Internet, beim Fortgehen, bei "Bauer sucht Frau" und neuerdings wieder quotenstark beim "Bachelor". In ihrem Buch zeigt die Münchner Kulturwissenschaftlerin nicht nur, dass es die Suche nach Mr. und Mrs. Right schon immer gegeben hat. Sondern auch, dass sie schon immer kompliziert war.

"Schon damals suchte man den idealen Partner. Die Kriterien waren halt andere", sagt die Autorin. Und sie waren von Schicht zu Schicht unterschiedlich: Da Bürgerstöchter keine Ausbildung absolvierten (um sich voll und ganz auf die Rolle der Ehefrau und Mutter zu konzentrierten), kam für sie nur ein Gatte mit 1-a-Versorgerpotenzial infrage. Heiratsfähige Männer schielten vor allem auf eine beachtliche Mitgift. In Adelsfamilien wurde nicht nur auf Vermögen, sondern auch auf politische Verbindungen geachtet. Und bei Bauern kam nur infrage, wer den Hof weiterführen konnte. Nur eines war überall gleich: Die Partnersuche übernahm jemand anderer, meist die Eltern (heute würde man "Matchmaker" dazu sagen). Oder man übergab an professionelle Heiratsvermittler, "die gab es schon im alten Rom und im Mittelalter", berichtet Braun.

Gezwungen wurden die Töchter und Söhne in der Regel nicht – "man hat versucht, ihnen den ausgewählten Partner schönzureden", weiß die Ethnologin. Die Erziehung erlaubte in der Regel keinen Widerspruch. Das hat schon bei Effi Briest funktioniert. Oder bei der Schriftstellerin Henriette Herz, die ebenfalls einen viel älteren Mann ehelichen musste und in ihren Memoiren schrieb, dass dieser zwar geistreich, aber hässlich gewesen sei. "Sie hat ihn sich zurechtgeträumt", berichtet Braun, "alles war schließlich besser, als als alte Jungfer zu sterben."

Flirten bei Hofe

Mit der Jahrhundertwende nahmen die Ehe-Arrangements ab. Söhne und Töchter hatten mehr Mitspracherecht, die Vernunftehe wich langsam der Liebesheirat. Man traf einander bei Tanzgesellschaften – Flirten war Männersache: "Die österreichische Schriftstellerin Caroline Pichler, die am Hof von Maria Theresia aufgewachsen ist, erzählt, dass die Männer die Frauen wie eine Königin behandelt haben, also galant waren und Komplimente gemacht haben", erzählt Annegret Braun.

Daran hatte sich auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts nichts geändert. Frauen bandelten, wenn überhaupt, sehr zurückhaltend an – aber sie hatten ihre Tricks. "Wenn sie etwa ein Taschentuch auf den Boden fallen ließen, hatte der Verehrer die Möglichkeit, es aufzuheben und die Dame anzusprechen."

Und dann war da natürlich die Zeitungsannonce. Die erste überlieferte Heiratsanzeige stammt schon aus dem Jahr 1695: "Ein Herr von etwa 30 Jahren mit ansehnlichem Besitz sucht für die Ehe eine junge Dame mit einem Vermögen von ca. 3000 Pfund", schrieb ein Mann in einem vom Londoner Verleger John Houghton herausgegebenen Wochenblatt. Für Frauen inserierten meist die Väter oder Brüder, und zwar recht unverblümt, schildert die Ethnologin amüsiert: "Ein Vater schrieb: ‚Moderne Baumwollfabrik sucht für Tochter einen guten Geschäftsmann ...‘ Von der Tochter steht nicht viel drin, von der Fabrik schon."

Hohe Erwartungen

Völlig frei gestaltete sich die Partnersuche in den 1960er-Jahren, die Zeit der Aufbruchstimmung, der Petticoats und des Rock ’n’ Roll. Wer keinen Topf für seinen Deckel fand, blieb einfach alleine. "In den späten Sechzigern war Unverheiratetsein ein Emanzipationsmerkmal, Abhängigkeit vom Ehemann war verpönt."

Heute beobachtet Annegret Braun, die zuvor ein Buch über Glück geschrieben hat, eine Trendwende. "Partnerschaft hat wieder einen sehr hohen Status. Das merkt man an den vielen Datingshows im Fernsehen." Nebst suchenden Landwirten, Schwiegermüttern und aparten Junggesellen lassen sich da Singles mitunter sogar auf ein Blind Date vor dem Standesbeamten ein (im TV-Experiment "Hochzeit auf den ersten Blick"). Gleichzeitig steigen die Erwartungen: "Früher reichte es, wenn man gemeinsam das Leben bestritt, Kinder bekam. Heute sind wir in den Medien ständig von Romantik umgeben und erwarten von unserem Partner, dass er uns jeden Tag glücklich macht. Eine lange Beziehung ohne Krisen gibt es aber nicht."

Eine Erfahrung, die auch Effi Briest machen musste. Weil sie sich von ihrem alten Ehemann vernachlässigt fühlte, ging sie eine Liebschaft mit einem Offizier ein. Baron von Innstetten kam ihr auf die Schliche, ließ sich scheiden und tötete den Geliebten in einem Duell. Eines war die Liebe also auch vor 200 Jahren nicht: einfach.

Buchtipp: "Mr. Right und Lady Perfect. Von alten Jungfern, neuen Singles und der großen Liebe" von Annegret Braun. Erschienen im Lambert-Schneider-Verlag, 232 Seiten, 19,95 €.

(kurier) Erstellt am
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