Leben
27.03.2017

Timing ist alles: Die besten Zeitpunkte im Leben

Wann erreichen wir unseren körperlichen Zenit und wann den geistigen? Mathematisch gesehen gibt es sogar ein ideales Alter, um sich für einen Partner zu entscheiden. Was Forscher und Statistiker berechnet haben – und was Menschen darüber erzählen.

Gibt es das perfekte Alter? Ein Alter, in dem das Gefühl von Freiheit überwiegt, ohne dabei von der Verantwortung erdrückt zu werden? Ein Alter, in dem der Körper und auch das Gehirn jeden Spaß mitmacht, ohne unter der Anstrengung zu leiden? Die Antworten auf diese Fragen sind so vielfältig wie die Fragen selbst. Wissenschaftler und Statistiker können hier aber Durchschnittswerte liefern. Etwa, dass es den Menschen im Alter von sieben Jahren am leichtesten fällt, eine neue Sprache zu erlernen. Manche tun sich früher leichter. So wie zum Beispiel Marina Kojić, Tochter von serbischen Zuwanderern, die im Alter von drei Jahren binnen weniger Wochen neben der serbischen Muttersprache die deutsche Sprache wie die Muttermilch aufgesogen hat. Heute spricht die 20-jährige Medizinstudentin zusätzlich Englisch und Spanisch. "Und Russisch und Schwedisch lerne ich auch."

Anderen liegen Fremdsprachen wiederum gar nicht. Und wieder andere lernen bis ins hohe Alter neue Vokabel. Statistiken und Durchschnittswerte dienen hier aber nur zur Orientierung. Das ganze Spektrum des Lebens können sie nicht erklären.

Kraft der Erfahrung

Kinder und vor allem Jugendliche können es kaum erwarten, endlich erwachsen zu werden, um sich ihre Träume zu erfüllen und die Welt zu erobern. Umgekehrt sehnen sich Menschen mit zunehmendem Alter gerne nach den unbeschwerten Tagen in jungen Jahren zurück, wo alles lustiger, besser, leichter war. Aber wann war das genau?

Die Wiener Kunsthistorikerin, Autorin und Schreibpädagogin Brigitta Höpler hat erst vor kurzem ihr fünfzigstes Lebensjahr überschritten. Sie ruht in vielen Belangen ihres Lebens in sich, versteht viele Zusammenhänge ihres Lebens heute besser als noch in ihrem früheren Leben als Studentin und Mutter kleiner Kinder: "Mit 20 war ich sehr mit mir und meiner Ausbildung beschäftigt, mit 30 dann mit meinen Töchtern. Durch viele, viele Begegnungen, auch durch meine Schreibseminare und die Begegnung mit interessanten Künstlern bin ich offener für Neues geworden." Das Leben ist ein Spiel, das nicht immer nach denselben Regeln gespielt wird. Höplers Erfahrungen teilen viele Gleichaltrige, aber bei weitem nicht alle.

Im fußballbiblischen Alter

Studien von Sportmedizinern zeigen, dass die Muskulatur des Menschen im Alter von 25 Jahren am besten ausgebildet ist. Sportler wie der Fußballer Ivo Vastić bestätigen, dass es danach noch lange nicht bergab gehen muss. Vastić war trotz einer schweren Verletzung auch jenseits der 30 lange Zeit fitter als viele Jüngere. Im fußballbiblischen Alter von 38 markierte er Österreichs erstes Tor bei einer EM-Endrunde. Einer, der es als Fußballer nicht ganz so weit gebracht hat, der Unternehmensberater Michael Sgiarovello, schätzt hingegen, dass er mit 25 den muskulären Zenit erreicht hat. "Meine besten Leistungen als Amateursportler habe ich aber sicher erst mit etwa 30 auf den Sportplatz gebracht."

Das bestätigt, was Sportmediziner seit den 1960er-Jahren propagieren: Wer auf seinen Körper achtgibt, kann seine jugendliche Fitness noch gute zehn bis fünfzehn Jahre halten – manchmal sogar länger. Der beste Weg, seine Muskeln bis ins hohe Alter zu stärken, ist der Wissenschaft zufolge Krafttraining. Wer seinem Kreislauf Gutes tun will, kann Kraft- mit Ausdauertraining kombinieren.

So wie der Wiener UN-Mitarbeiter Norbert Aschenbrenner, der jenseits der 50 beim Marathon eine persönliche Rekordzeit nach der anderen pulverisiert. Seine aktuellen Laufzeiten sind bemerkenswert und doch weit von den Siegerzeiten der Weltklasseathleten entfernt. Das Durchschnittsalter der Elite-Marathonläufer liegt übrigens bei 28 Jahren.

Die "37 Prozent-Regel"

Mitte 20 ist auch ein gutes Alter, um sich für den Lebenspartner zu entscheiden. Das besagt jedenfalls eine mathematische Theorie, die vom Kognitionswissenschaftler Tom Griffiths und dem Journalisten Brian Christian in dem Buch "Algorithms to Live By: The Computer Science of Human Decisions" vorgestellt wird. Die "37-Prozent-Regel" von Griffiths und Christian besagt: Entscheidungen bei Auswahlprozessen mit zeitlicher Begrenzung sollten dann getroffen werden, wenn man 37 Prozent der Optionen gesehen hat. Das gelte im Beruf, bei der Wohnungssuche und eben auch bei der Wahl des Lebenspartners.

Den Autoren zufolge hat man bei 37 Prozent genug Informationen bekommen, um eine fundierte Entscheidung zu treffen und sollte keine Zeit damit verschwenden, mehr Optionen anzusehen, als nötig.

Wer also im Alter zwischen 18 und 40 Jahren nach der großen Liebe sucht, sollte sich den Autoren zufolge nach seinem 26. Geburtstag auf einen Kandidaten festlegen. Davor gibt es mathematisch gesehen noch Chancen auf bessere Anwärter – und je mehr Zeit man sich lässt, desto dünner könnte die Auswahl werden und die Chancen auf einen guten Partner reduzieren. So weit die mathematische Theorie. Auf den ersten Blick bestätigt die Statistik diese Theorie: Im Schnitt heiraten die Österreicher im Alter von 31 Jahren – mit ein paar Jahren Kennenlernzeit könnte die 37-Prozent-Regel gut passen. Der Algorithmus passt jedoch nicht zur Ehedauer: Jene Österreicher, die sich wieder scheiden lassen, sind laut Statistik im Schnitt 43 Jahre alt.

Schachmatt mit 26

Punkto Hirnleistung dürfte es hingegen kein perfektes Alter geben. In jeder Lebensphase des Menschen zeigen sich gewisse Stärken: Während Fremdsprachen, wie erwähnt, in jungen Jahren am besten hängen bleiben, punkten Senioren bis Anfang 70 mit dem größten Wortschatz.

Die Schach-Historie lehrt uns: Die besten Schachmeister waren im Alter von 31 Jahren am erfolgreichsten. Doch hier dürfte sich eine Verjüngung abzeichnen, worauf der Schachexperte Martin Stichlberger aufmerksam macht: "Bei der Schach-WM 2016 gewann der 26-jährige Norweger Magnus Carlsen gegen den ebenfalls 26-jährige Russen Sergei Karjakin." In der Wissenschaft darf man hingegen schon ein bisschen älter sein: Im Alter von 40 Jahren, so die Statistiker, haben Nobelpreisträger ihren bahnbrechenden Geistesblitz.

Welche dieser Faktoren machen ein Alter also zum "besten Jahr" in einem Leben? Forscher konnten herausfinden, dass die Lebenszufriedenheit mit Anfang 20 am höchsten ist: Junge Erwachsene haben in diesem Alter hohe Erwartungen, wie sich ihr Leben entwickeln soll. Ihre Träume sind ungetrübt von Rückschlägen und Kompromissen. Je älter sie werden, desto mehr werden diese Erwartungen zurückgeschraubt.

Mit 50 in die U-Kurve

In der Wissenschaft spricht man von einer U-Kurve der Lebenszufriedenheit, die ihren Tiefpunkt bei den 50-Jährigen erreicht, doch danach wieder in die Höhe schnellt. Die These lautet: Wenn die Erwartungen sinken, steigt die Wertschätzung für das, was man alles hat. Und dann gelingt – rein statistisch gesehen mit Mitte 70 – auch das, was vielen ihr Leben lang nicht gelungen ist: Zufriedenheit mit dem eigenen Körper.

Graue Theorie, wenn man der 72-jährigen Wienerin Marietta Wild zuhört. Die langjährige Betreiberin des Kulturvereins Transdanubien sagt zwischen zwei Veranstaltungen, die sie gemeinsam mit ihrem kleinen Team organisiert: "Ich war – wie viele optimistische Menschen dieser Welt – mein ganzes Leben lang zufrieden." Die Freiheit, im Alter genau das tun zu können, was sie will, sei natürlich ein zusätzlicher Glücksmacher: "Es macht mich sehr zufrieden, dass ich auch im Alter kreativ sein, von anderen Menschen lernen darf und mich daher auch weiter verändern kann."

Der beste Zeitpunkt:

Mit 7 Jahren:um eine neue Sprache zu lernen.Marina Kojic, 20, Medizinstudentin:"Meine Muttersprache ist Serbisch. Mit drei Jahren habe ich Deutsch gelernt, mit sieben konnte ich beide Sprachen gleich gut. Heute spreche ich auch Englisch und Spanisch. Schwedisch und Russisch lerne ich gerade."

18 Jahre: für die Gedächtnisleistung. In punkto Geschwindigkeit erreicht das menschliche Hirn mit etwa 18 Jahren seinen Höhepunkt – später wird vieles durch Erfahrung ausgeglichen.

23 Jahre: für die Lebenszufriedenheit. Studien zeigen eine U-Kurve: Mit Anfang 20 ist die Erwartung an ein zufriedenes Leben hoch und erreicht mit Mitte 50 ihren Tiefpunkt. Dafür steigt das Lebensglück mit Ende 60 noch einmal an.

26 Jahre: um den Partner fürs Leben zu finden. Annika Nowotny, 35, und Florian Oder, 34: "Wir waren drei Jahre lang beste Freunde und haben dann im richtigen Alter erkannt, dass es das ist."

28 Jahre:Das durchschnittliche Alter von Marathonläufern.Michael Sgiarovello, 50, Unternehmenssprecher:"Ich persönlich war mit 30, 31 auf meinem körperlichen Top-Niveau. Weil ich in diesem Alter meine Energie bewusster und damit auch effizienter beim Sport einsetzen konnte."

30 Jahre: für die Knochendichte. In diesem Alter erreicht die Knochenstruktur ihren Höhepunkt und nimmt dann langsam ab. Eine ausgewogene Ernährung mit Calcium und Vitamin D unterstützt die Knochen.

31 Jahre:um Schach zu gewinnen. Schachmeister haben durchschnittlich im Alter von 31 ihre meisten Erfolge verzeichnet.Martin Stichlberger, 56, Schachexperte: "Mit 31 gilt man heute im absoluten Weltklasse-Schach schon als eher alt. Der regierende Weltmeister ist 26. Doch als Hobbyspieler muss man sich keine Sorgen machen: "Ich habe mit 31 schon genau so schlecht wie heute gespielt."

39 Jahre: In diesem Alter erreichen österreichische Frauen ihren Einkommenshöhepunkt und verdienen im Schnitt 13,48 Euro brutto pro Stunde.

40 Jahre: um eine nobelpreiswürdige Entdeckung zu machen. Eine US-Studie ergab, dass Nobelpreisträger ihre Entdeckungen im Schnitt im Alter von 40 Jahren gemacht haben.

45 Jahre: um sich in andere Menschen einzufühlen. Brigitta Höpler, 51, Kunsthistorikerin: „Mit 20 war ich sehr mit mir und meiner Ausbildung beschäftigt, mit 30 dann mit meinen Töchtern. Durch viele, viele Begegnungen bin ich in den vergangenen Jahren offener für Neues geworden.“

50 Jahre:für das mathematische Gedächtnis.Elisabeth Hundstorfer, 50, Label-Gründerin:"Während meines Ferialjobs beim Heurigen konnte ich am besten Kopfrechnen. Und meine Tochter ist heute schneller als ich. Aber grundsätzlich geht es noch ganz gut."

60 Jahre: In diesem Alter erreichen Österreichs Männer ihren Einkommenshöhepunkt und verdienen durchschnittlich 18,85 Euro brutto pro Stunde.

69 Jahre: für das zweite Hoch der Lebenszufriedenheit.

Marietta Wild, 72, Pensionistin, Kulturschaffende: "Es macht mich sehr zufrieden, dass ich auch im Alter kreativ sein und von anderen Menschen lernen darf und mich daher auch weiter verändern kann."

72 Jahre: für den Wortschatz. Multiple Choice Tests haben gezeigt, dass der Wortschatz bis zum Anfang der 70er Jahre steigt.

84 Jahre: für die Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen. US-Umfragen mit mehr als 85.000 Teilnehmern haben gezeigt, dass Frauen und Männer sich erst im hohen Alter mit ihrem Aussehen wohlfühlen. Am niedrigsten waren die Werte in den 50er Jahren.