Leben
08.11.2017

Studie: Wird unsere Gesellschaft narzisstischer?

Gibt es tatsächlich immer mehr Narzissten in unserer Gesellschaft? Deutsche Psychologen haben die Theorie untersucht – und das Gegenteil festgestellt.

Narzissmus ist auf dem Vormarsch, sagt die Wissenschaft. Manche Experten sprechen gar von einer "Narzissmusepidemie", die sich in unserer Gesellschaft breit machen soll. Forscher der Universität Konstanz können das nicht bestätigen. Im Gegenteil: In einer Analyse von rund 60.000 Persönlichkeitstests US-amerikanischer Studierender zeigte sich, dass Narzissmus in den letzten 25 Jahren nicht angestiegen, sondern zurückgegangen ist. Das teilte das Forscherteam rund um Eunike Wetzel in einer Presseaussendung mit. Veröffentlicht wurde die Untersuchung im Fachblatt Psychological Science.

Konkret stellten die Wissenschafter fest, dass Narzissmus, unter dem umgangssprachlich im weitesten Sinne die übertriebene Selbstverliebtheit und Selbstbewunderung eines Menschen verstanden wird, seit Anfang der 1990er rückläufig ist.

Überraschende Ergebnisse

"Wir hatten erwartet, dass wir einen Anstieg im Narzissmus zwischen 1992 und den 2000er-Jahren finden würden und anschließend einen möglichen Rückgang nach der Weltwirtschaftskrise", betont Eunike Wetzel, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Konstanz. Von den Erkenntnissen, die der gängigen Theorie widersprechen, sei man daher überrascht.

Klassische Theorien gehen davon aus, dass Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums förderlich für die Entwicklung von Narzissmus sind. Wirtschaftskrisen gehen demnach mit sinkendem Narzissmus einher. In der aktuellen Studie fand man allerdings keine Belege für die Annahme. Der Rückgang des Narzissmus setzte bereits in der ökonomisch stabilen Zeit vor der Wirtschaftskrise, die 2007 durch das Platzen einer Immobilienpreis-Blase in den USA ausgelöst wurde, ein.

In die Analyse gingen Daten von drei US-amerikanischen Universitäten ein, die Studierenden ab 1992 einheitliche Narzissmus-Persönlichkeitstests vorgelegt hatten. In Summe wurden so 60.000 Datensätze zusammengetragen. Die Befragten waren zum Zeitpunkt der Befragung zwischen 18 und 24 Jahren alt.

Bei der Interpretation der Studie sei Wetzel zufolge wesentlich, dass es "nicht um Narzissmus im Sinne einer klinischen Störung", sprich einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, geht. Man habe Narzissmus in der allgemeinen Bevölkerung untersucht und Narzissmus als Persönlichkeitsmerkmal betrachtet.

In der Einordnung und Definition von Narzissmus sieht Wetzel bei früheren Studien auch das Problem: "Bisherige Forschung betrachtete Narzissmus als Gesamtkonstrukt. Das ist problematisch, weil Narzissmus aus verschiedenen Aspekten besteht."

Menschen fühlen sich weniger überlegen

Für ihr Forschungsvorhaben unterteilte Wetzel den Begriff in drei Facetten: Führungsverhalten, Eitelkeit und Anspruchsdenken. Den deutlichsten Rückgang verzeichnete das Merkmal Anspruchsdenken, das ausdrückt, ob sich ein Mensch gegenüber seinem Umfeld höherwertig oder überlegen fühlt. Dies sei interessant, weil es sich dabei um ein Kernelement des Narzissmus handle. Dass dieses Merkmal in seiner Ausprägung zurückgegangen sei, widerspreche die Theorie der Narzissmusepidemie.

Im Geschlechtervergleich zeigten sich nur minimale Unterschiede. Narzissmus ging bei Frauen und Männern gleichermaßen zurück. Lediglich beim Merkmal der Eitelkeit stellten die Forscher nur bei Frauen eine Verringerung fest.